Tuberkulose – eine stille Pandemie
Tuberkulose gehört zu den „großen drei“ Infektionskrankheiten – gemeinsam mit AIDS und Malaria. In Europa ist die Tuberkulose fast vergessen – die Zeiten der Schwindsucht scheinen vorbei. Ein Eindruck, der trügt.
Weltweit erkranken jedes Jahr über 10 Millionen Menschen neu an Tuberkulose, etwa 1,5 Millionen Menschen versterben an der Erkrankung mit Mycobacterium tuberculosis. In Südostasien und Afrika ist die Tuberkulose weit verbreitet. In einigen Regionen nimmt auch der Anteil an resistenten Formen seit den 1990er Jahren stark zu. Auch wenn neue Therapien eine Behandlung ermöglichen, gibt es Formen, gegen die kaum ein Antibiotikum wirksam ist.
Viele Antibiotika wirken am besten gegen Bakterien, die sich aktiv teilen. M. tuberculosis vermehrt sich jedoch extrem langsam oder ist gar über längere Zeit in einem Schlummerzustand. Daher dauert die Behandlung der Tuberkulose selbst bei nicht-resistenten Keimen mehrere Wochen oder Monate. Eine weitere Herausforderung: M. tuberculosis ist von einer außergewöhnlich dichten, wachsartigen Zellhülle umgeben, die vielen Wirkstoffen das Eindringen erschwert.
Eine Infektion mit M. tuberculosis ist nicht gleichbedeutend mit einer Tuberkulose-Erkrankung. Nach der Infektion können die Keime Jahre oder Jahrzehnte unbemerkt vom Immunsystem kontrolliert und eingedämmt werden. Nur etwa 5-10 Prozent der Infizierten entwickeln tatsächlich im Laufe ihres Lebens eine symptomatische Tuberkulose. Die Erkrankung bricht bei ihnen beispielsweise in den ersten Jahren nach einer Ansteckung aus oder wenn das Immunsystem geschwächt wird.
Wissenschaftler:innen am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung suchen nach neuen Strategien gegen diese Krankheit. Am Helmholtz-Institut für Pharmazeutische Forschung Saarland (HIPS) erforschen sie Naturstoffe gegen Tuberkulose, vor allem solche, die nach gänzlich anderen Prinzipien funktionieren als bisherige Medikamente. Zudem ist die HIPS-Abteilung “Mikrobielle Naturstoffe” unter der Leitung von Prof. Rolf Müller Mitglied im „Tuberculosis Drug Accelerator“. Das von der Bill & Melinda Gates Foundation geförderte Netzwerk bündelt Forschungseinrichtungen und Unternehmen, die neue Strategien und Therapieoptionen gegen Tuberkulose erforschen.
Ein 100 Jahre alte Impfung
Der einzige Tuberkulose-Impfstoff BCG (Bacillus Calmette-Guérin) ist bereits etwa 100 Jahre alt. Er enthält abgeschwächte, lebende Mykobakterien und schützt vor allem Säuglinge und Kleinkinder vor schweren Tuberkuloseformen. Seine Wirksamkeit gegen eine Ansteckung oder Entwicklung z.B. einer Lungentuberkulose ist dagegen nicht oder nur sehr gering vorhanden. Deswegen wird die BCG-Impfung in Deutschland seit 1998 nicht mehr empfohlen, auch weil das Ansteckungsrisiko hier so niedrig ist, und die Risiken den Nutzen überwiegen.
Generell ist die Tuberkulose in Deutschland selten und das Erkrankungsrisiko ungleich verteilt. Um dies besser zu berücksichtigen, haben Epidemiolog:innen des HZI gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) und dem Deutschen Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose (DZK) eine S3-Leitlinie zur Tuberkuloseprävention bei neu zugewanderten Menschen erstellt. Die Expert:innen empfehlen, dass die Tuberkulose-Inzidenz in den Herkunftsländern und individuelle Umstände stärker berücksichtigt werden sollen. Die evidenzbasierte Grundlage soll dazu führen, dass vorhandene Mittel effizienter und zielgerichteter eingesetzt werden.
HIV und Tuberkulose
In Afrika ist südlich der Sahara die Kombination aus Tuberkulose und Infektionen mit dem HI-Virus ein besonders großes Gesundheitsproblem: Patient:innen mit einer HIV-Infektion haben ein vielfach höheres Risiko, an einer aktiven Tuberkulose zu erkranken. Tuberkulose ist in vielen Ländern dieser Region die häufigste einzelne Todesursache bei Menschen mit HIV/AIDS und trägt wesentlich zur hohen Sterblichkeit bei.
(jsg, cwe)
Stand: Juli 2026
Beteiligte Forschungsgruppen
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Epidemiologie
Prof. Dr. med. Berit Lange -
Genome Mining für Sekundärstoffe
Dr. Chengzhang Fu -
Mikrobielle Naturstoffe
Prof. Dr. Rolf Müller