Gruppenfoto von 8 Personen mit einem Förderscheck
Das HZI-Projekt „DeColi“ erhält mehr als eine Million Euro Förderung vom IBT Lower Saxony.
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DeColi: Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung erhält 1 Million Euro für Prävention schwerer bakterieller Infektionen

IBT Lower Saxony fördert neuen Medikamentenkandidaten zur proaktiven Reduktion antibiotikaresistenter Infektionen

Bei der 6. Portfolio-Konferenz des Institute for Biomedical Translation (IBT) Lower Saxony im Medical Park Hannover wurde das Projekt „DeColi“ des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig mit einer Förderung von rund 1 Million Euro ausgezeichnet. DeColi nutzt einen präventiven Ansatz: Statt auf bereits entstandene Infektionen zu reagieren, zielt das Projekt darauf ab, gramnegative Krankheitserreger gezielt aus dem Darmreservoir zu eliminieren, bevor diese Krankheiten auslösen können. Insgesamt wurden bei der Konferenz 2,3 Millionen Euro vergeben. Neben DeColi wurde das Projekt „Pathopress“ der Universitätsmedizin Göttingen und der HAWK Göttingen gefördert.

Antibiotikaresistente Krankheitserreger stellen eine große gesellschaftliche Bedrohung dar, da Infektionen mit ihnen zunehmend schwerer zu behandeln sind. Häufig besiedeln gramnegative Krankheitserreger wie Escherichia coli über längere Zeit den Darm symptomfrei. Von dort aus können sie jedoch auch schwere systemische Infektionen wie Sepsis, Lungenentzündung, Wundinfektionen oder wiederkehrende Harnwegsinfektionen auslösen. Gerade bei geschwächten Patient:innen, z.B. im Krankenhaus, ist das Infektionsrisiko erhöht. 

Um diese Personen zu schützen, entwickelt das DeColi-Team aus der HZI-Abteilung „Mikrobielle Immunregulation“ von Till Strowig ein lebendes Biotherapeutikum, das aus einem präzise zusammengesetzten Bakterienkonsortium besteht. Diese „guten“ Bakterien sollen die gefährlichen Erreger selektiv aus dem Darmmikrobiom verdrängen und damit die Infektionsquelle ursächlich bekämpfen. Besonders wichtig: Für die Zielgruppe – Patient:innen mit hohem Risiko für schwerwiegende Infektionen, etwa nach Operationen oder bei immunsupprimierender Behandlung – gibt es bisher keine anderen zugelassenen Präventionsmaßnahmen. Das Projekt wird von einem interdisziplinären Team um Prof. Till Strowig, Dr. Marie Wende und Dr. Christian Brandstetter koordiniert und in Zusammenarbeit mit Prof. Julia Hankel von der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover sowie Dr. Jens Puschhof vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) durchgeführt.

Neben DeColi erhielt das Projekt „Pathopress“ zur Verbesserung der Krebsdiagnostik von der Universitätsmedizin Göttingen und der HAWK Göttingen eine Förderung in Höhe von 1,3 Millionen Euro. In der Endrunde der sechsten Portfolio-Konferenz des IBT hatten sich sieben Teams um die Förderungen beworben. Insgesamt hat das IBT bisher zwölf Projekte mit mehr als zwölf Millionen Euro gefördert.

Über das IBT Lower Saxony

Niedersachsen zählt – international anerkannt – zu Deutschlands führenden Standorten für biomedizinische Forschung. Um die gewonnenen Erkenntnisse schneller in neue präventive, diagnostische und therapeutische Verfahren zu überführen, bringt das IBT Lower Saxony Wissenschaft, Klinik und Unternehmertum zusammen. Ziel ist es, durch den Austausch zwischen akademischen Einrichtungen und industriellen Teilhaber:innen ein nachhaltiges Ökosystem für die neue Generation von Biomedizin-Startups zu schaffen. Innovative Ideen erhalten nicht nur Finanzierungsoptionen, sondern auch Zugang zu erstklassiger Infrastruktur und Expertise.

Das IBT wurde im Jahr 2023 als Kooperation von drei führenden wissenschaftlichen Einrichtungen (Medizinische Hochschule Hannover, Universitätsmedizin Göttingen und Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig) initiiert und gehört zur Wirtschafts- und Innovationsagentur des Landes, Niedersachsen.next. Die Startfinanzierung wird vom niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur und der VolkswagenStiftung zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen finden Sie hier.

Finalisten der 6. Portfolio-Konferenz

DeColi - Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI)

Krankenhausinfektionen, die durch multiresistente gramnegative Bakterien verursacht werden, stellen weltweit eine wachsende Bedrohung dar – oft treten sie gerade dann auf, wenn Patient:innen am verwundbarsten sind. Eine Besiedlung des Darms mit Krankheitserregern wie Escherichia coli tritt häufig lange vor der Entwicklung schwerer Infektionen wie einer Sepsis, Lungenentzündung, Wundinfektion oder wiederkehrenden Harnwegsinfektionen auf. DeColi geht dieses Problem an der Quelle an, indem es ein lebendes biotherapeutisches Produkt entwickelt, das diese gefährlichen Bakterien selektiv aus dem Darm entfernt, bevor eine Infektion beginnt. Der Ansatz richtet sich an eine große und hochrisikobehaftete Patient:innengruppe, für die es keine zugelassenen Präventionsmöglichkeiten gibt, und nutzt ein zielgerichtet entworfenes Bakterienkonsortium mit klar definierten Funktionen. Diese Strategie, die auf zuverlässige Wirksamkeit und skalierbare Herstellung ausgelegt ist, zielt darauf ab, Infektionen zu verhindern, anstatt auf sie zu reagieren. DeColi bietet einen neuen, proaktiven Weg, um antibiotikaresistente Infektionen zu reduzieren und die Behandlungsergebnisse für Patient:innen zu verbessern.

DECYTE - Georg August Universität Göttingen

Bauchbeschwerden sind häufig – und sie erzählen nicht immer die ganze Geschichte. Die zugrunde liegenden Ursachen reichen von harmlosen Problemen bis hin zu lebensbedrohlichen Erkrankungen wie dem kolorektalen Karzinom, der weltweit tödlichsten Form von Bauchkrebs. Doch die heutigen Screeningverfahren haben deutliche Schwächen: Stuhltests übersehen häufig Krebsvorstufen und frühe Stadien und die Koloskopie ist zwar effektiv, für Patient:innen jedoch invasiv. DECYTE entwickelt einen hochsensitiven, blutbasierten Test, der mithilfe künstlicher Intelligenz kolorektalen Krebs bereits in sehr frühen Stadien erkennt, indem subtile Signale des Immunsystems entschlüsselt werden – lange bevor Symptome auftreten. Der Proof-of-Concept zeigt: DECYTE erreicht eine mit der Koloskopie vergleichbare Sensitivität – ohne deren Invasivität – und übertrifft bestehende blutbasierte Screeningtests in Sensitivität und Genauigkeit. Durch den Verzicht auf invasive Eingriffe und unzuverlässige Stuhltests hat diese Technologie das Potenzial, die Krebsfrüherkennung grundlegend zu verändern und künftig auch viele weitere immunassoziierte Erkrankungen früher zu erkennen.

FLARE - Leibniz Universität Hannover (LUH)

Was wäre, wenn Chirurg:innen während einer Operation Infektionen fast so klar sehen könnten wie anatomische Strukturen?
FLARE entwickelt sNIR, einen neuartigen Farbstoff für die Nahinfrarot-Bildgebung, der eine Echtzeit-Darstellung während chirurgischer Eingriffe ermöglicht. Im Vergleich zu heute verwendeten Standardfarbstoffen liefert sNIR einen höheren Kontrast und schnellere Ergebnisse – und kann dabei mit bestehenden klinischen Bildgebungssystemen eingesetzt werden. Ursprünglich zur Detektion von Hirntumoren entwickelt, wird die Technologie nun erweitert, um bakterielle Infektionen in Wunden oder an Implantaten sichtbar zu machen und zuverlässig von harmlosen Entzündungen zu unterscheiden. Durch die Kombination intelligenter Bildgebungssonden mit modernen Technologien wie chirurgischen Robotern kann dieser Ansatz Operationen sicherer machen, Komplikationen reduzieren und letztlich Leben retten, indem er genau dann bessere Informationen liefert, wenn sie am dringendsten benötigt werden.

PAERUBLOCK - Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI)

Schwere, im Krankenhaus erworbene Lungeninfektionen, die durch Pseudomonas aeruginosa verursacht werden, gehören zu den am schwersten zu behandelnden Erkrankungen und stellen weltweit eine wachsende Gesundheitsgefahr dar. Anstatt die Bakterien direkt abzutöten, verfolgt PAERUBLOCK einen anderen Ansatz: Es zielt auf ein Schlüsselenzym ab, das der Erreger nutzt, um Gewebe zu schädigen, Entzündungen auszulösen und das Immunsystem zu umgehen. Indem die Bakterien unschädlich gemacht statt direkt angegriffen werden, ermöglicht diese Antivirulenz-Strategie den körpereigenen Abwehrkräften – und den verfügbaren Antibiotika –, Infektionen effektiver zu bekämpfen. Der Ansatz trägt dazu bei, den Selektionsdruck für Antibiotikaresistenzen zu verringern, und senkt das Risiko von Nebenwirkungen, die üblicherweise mit einer konventionellen Antibiotikatherapie verbunden sind. Da sich die Wirkstoffe in mehreren Krankheitsmodellen als hochwirksam erwiesen haben – insbesondere in Kombination mit Standard-Antibiotika – und über günstige Sicherheits- und Wirkstoffprofile verfügen, treibt das Projekt nun die präklinische und klinische Entwicklung dieser Verbindungen voran und legt damit den Grundstein für ein zukünftiges Spin-off, das sich auf sicherere und nachhaltigere Infektionsbehandlungen konzentriert.

Pathopress - Universitätsmedizin Göttingen und HAWK Göttingen

Eine präzise Krebsdiagnostik hängt maßgeblich davon ab, genau zu wissen, wie weit sich die Erkrankung ausgebreitet hat. Ein entscheidender Faktor ist die zuverlässige Erkennung von Lymphknotenmetastasen, die einen starken Einfluss auf die Stadieneinteilung, Behandlungsentscheidungen und den Behandlungserfolg hat. In der routinemäßigen Pathologie ist die Identifizierung von Lymphknoten in chirurgisch entnommenem Gewebe jedoch nach wie vor ein arbeitsintensiver und von Anwender:innen abhängiger Prozess – insbesondere bei Krebsarten wie Darm- und Eierstockkrebs, bei denen Lymphknoten in großen Mengen an Fettgewebe eingebettet sind. PathoPress führt ein neuartiges Gerät ein, das Fettgewebe mechanisch komprimiert, um dessen Volumen deutlich zu reduzieren, während die volle Kompatibilität mit der Standard-Histopathologie und Immunhistochemie gewahrt bleibt. Durch die Ermöglichung einer vollständigen und standardisierten Untersuchung des verbleibenden Gewebes macht diese Technologie eine zuverlässigere Erkennung aller Lymphknoten möglich, reduziert die Arbeitsbelastung für das Pathologiepersonal, verbessert die Sicherheit und den Arbeitsablauf und unterstützt bessere Behandlungsentscheidungen. PathoPress hat sich zum Ziel gesetzt, ein einfaches physikalisches Prinzip in ein praktisches Diagnosewerkzeug umzusetzen, das die Krebsstadien-Einteilung verbessern und letztlich Patient:innen weltweit zugutekommen kann.

RESTORE-PDAC - Universitätsmedizin Göttingen & Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Das duktale Adenokarzinom des Pankreas (PDAC) gehört zu den aggressivsten und tödlichsten Krebsarten. Aktuelle Immuntherapien schlagen jedoch häufig fehl, weil der Tumor für das Immunsystem weitgehend unsichtbar bleibt. RESTORE-PDAC begegnet dieser Herausforderung durch die Entwicklung neuartiger niedermolekularer Modulatoren, die dazu beitragen, dass Tumore wieder erkennbar werden. Der Ansatz konzentriert sich auf die Wiederherstellung der Tumorantigenität, wodurch Immunzellen in die Lage versetzt werden, Bauchspeicheldrüsenkrebs (PDAC, duktales Adenokarzinom der Bauchspeicheldrüse) effektiver zu erkennen und anzugreifen. In präklinischen Studien verbessern die Leitstrukturen die Antigenpräsentation, verstärken die T-Zell-Aktivierung und potenzieren neuartige Immuntherapien wie CAR-T-Zell-Reaktionen. Durch die Reduktion von Entwicklungsrisiken und einen klaren Weg in Richtung klinischer Umsetzung soll das Potenzial kombinierter Immuntherapien für Bauchspeicheldrüsenkrebs erschlossen werden – und neue Hoffnung für eine Erkrankung geschaffen werden, für die dringend vielversprechendere Therapien benötigt werden.

RETRACT - Universitätmedizin Göttingen (UMG)

In der modernen Chirurgie verbringen hochqualifizierte Fachkräfte bis zu vier Stunden täglich mit manueller Retraktion – dem Halten von Organen, um den Zugang zum Operationsfeld zu gewährleisten. Diese körperlich anstrengende, repetitive Aufgabe trägt zu Ermüdung bei und schränkt den effizienten Einsatz spezialisierter chirurgischer Fähigkeiten ein. RETRACT entwickelt ein neuartiges robotergestütztes Assistenzsystem, das diese Belastung übernimmt. Die Technologie fungiert als intuitive, jederzeit verfügbare „dritte Hand“ und unterstützt Chirurg:innen während der Eingriffe. Im Gegensatz zu statischen Instrumenten ist das System mit Vibroakustik- sowie Kraft-Drehmoment-Sensoren ausgestattet, die Gewebespannung und Verrutschen in Echtzeit erfassen. Durch kontinuierliche Anpassung der Position und konstante Gewebespannung soll die Patient:innensicherheit deutlich erhöht werden. RETRACT ist ein Wegbereiter für die Solochirurgie und verbindet Patient:innensicherheit mit chirurgischer Effizienz.

Charlotte Schwenner

Pressekontakt

Dr. Charlotte Schwenner
Wissenschaftsredakteurin