IG-SCID

Indo-German Science Center for Infectious Diseases - Gemeinsam gegen Infektionskrankheiten

Infektionskrankheiten sind ein weltweites Problem. Jährlich sind sie für mehr als ein Viertel aller Todesfälle verantwortlich. Dabei schienen sie in der Mitte des 20. Jahrhunderts besiegt. Vor mehr als 120 Jahren entdeckte Robert Koch die Erreger von Milzbrand, Tuberkulose und Cholera. Eine neue Ära der Erforschung von Krankheitserregern brach an. Mit ihr stiegen sowohl die Lebensqualität als auch die Lebenserwartung. Die Entdeckung von Antibiotika und die Entwicklung neuer Impfungen ließ Mediziner und Forscher glauben, der Mensch habe den Kampf gegen die Krankheitserreger gewonnen. Aber Mikroben und Viren gaben sich nicht geschlagen: Antibiotika-Resistenzen, neue Varianten von bekannten Erregern und bisher unbekannte Krankheiten sind heute eine große Herausforderung für die Menschheit. Vermeintlich kontrollierbare Krankheiten wie Tuberkulose breiten sich wieder aus. Neue Infektionskrankheiten wie AIDS, SARS oder BSE tauchen auf. Viele Krankheiten, die scheinbar nichts mit Bakterien, Viren oder Pilzen zu tun haben – darunter auch einige Krebsformen – lassen sich ursächlich auf Infektionen zurückführen. Spätestens seit dem Auftauchen der "Neuen Grippe" im April 2009 sind sich viele Menschen der konstanten Bedrohung durch Infektionskrankheiten bewusst. Dabei sind die Strategien von Mikroben und Viren,  uns zu  infizieren, nicht weniger ausgeklügelt als die Strategien des Menschen, diese Krankheitserreger zu bekämpfen.

Wir brauchen dringend neue Medikamente und Impfstoffe. In den Industrienationen sind Krankenhauskeime und multiresistente Bakterien wie Staphylococcus aureus ein großes Problem. Tuberkulose und Hepatitis-Infektionen hingegen spiegeln das soziale Gefüge in der Welt wieder: Sie treffen arme Menschen am stärksten. Helfende Medikamente sind für viele unerschwinglich. Günstige Alternativen fehlen häufig. Infektionskrankheiten kennen keine Ländergrenzen und so sind Kooperationen von Wissenschaftlern verschiedener Länder ein wichtiger Schlüssel beim erfolgreichen Kampf gegen Krankheitserreger.

Das "Indo-German Science Center for Infectious Diseases" – deutsch-indisches Wissenschaftszentrum für Infektionskrankheiten – ist ein solcher Zusammenschluss. Von indischer Seite koordinieren das "Indian Council of Medical Research" (ICMR) und die Jawaharlal-Nehru-Universität (JNU) das Projekt, auf deutscher Seite die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren und das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig sowie die MHH Hannover. Diese deutsch-indische Kooperation ist ein virtuelles Zentrum, aufgebaut auf den Ideen der indischen und deutschen Forscher, die in gemeinsamen Forschungsprojekten zusammenarbeiten. Zwischen den Forschern findet ein reger Informationsaustausch statt. Regelmäßige Besuche und gemeinsame Kongresse sichern den Wissenstransfer. Das Ziel des Zentrums ist es, gemeinsam Infektionskrankheiten zu erforschen, sie besser zu verstehen und mit diesem Wissen neue Medikamente und Impfstoffe zu entwickeln. Beide Länder wollen damit ihre Zusammenarbeit auf dem Gebiet der biomedizinischen Wissenschaft ausbauen und stärken.

 

Der Weg zum Zentrum

Die wissenschaftlich-technologische Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Indien begann bereits 1971 mit einem Abkommen über die friedliche Nutzung der Kernenergie und des Weltraums und wurde  1974 um die Zusammenarbeit in wissenschaftlicher Forschung und technischer Entwicklung erweitert. 30 Jahre später, im November 2005, bekräftigten beide Länder diese Kooperation. Die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren (HGF) strebte eine Internationalisierung auf dem Gebiet der Gesundheitsforschung an, und als Teil der HGF hat das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in den vergangenen Jahren die Zusammenarbeit mit Indien konsequent ausgebaut. Eine bedeutende Rolle hierbei spielt Professor Gursharan Singh Chhatwal. Der gebürtige Inder ist Leiter der Abteilung "Medizinische Mikrobiologie" am HZI in Braunschweig und schlug die Brücke zwischen Indien und Deutschland. Sein Forschungsschwerpunkt sind Streptokokken-Infektionen. Professor Chhatwal ist sich der Bedeutung seiner Forschung bewusst: Während in Deutschland eine Infektion mit Streptokokken wie zum Beispiel bei Halsschmerzen oder Scharlach mithilfe von Penicillin gut behandelbar ist, sind dieselben Streptokokken in Ländern wie Indien ein ernstzunehmendes Problem. Nicht vollständig ausgeheilte Infektionen und unzureichende Antibiotikabehandlung führen dazu, dass sich die Streptokokken im Körper einnisten. Die Folge sind Erkrankungen wie die rheumatische Herzkrankheit bei Kindern. Zurzeit leiden etwa 15 Millionen Kinder im Alter zwischen fünf und 15 Jahren an dieser Krankheit. Eine halbe Million sterben pro Jahr.

Die offizielle Geburtsstunde des „Indo-German Science Center of Infectious Diseases“ (IG-SCID) war der 23. April 2006. Der Direktor des ICMR, Professor Nirmal K. Ganguly, und der Präsident der HGF, Professor Jürgen Mlynek, unterzeichneten in Anwesenheit des indischen Premierministers Manmohan Singh und der Bundeskanzlerin Angela Merkel das „Memorandum of Understanding“, die Absichtserklärung auf eine enge Zusammenarbeit im IG-SCID. Mit der Zusage über ein Budget von insgesamt 1,5 Millionen Euro für einen Zeitraum von drei Jahren aus dem Impuls- und Vernetzungsfonds des Präsidenten der HGF erstellten das HZI und die Medizinische Hochschule Hannover im Februar 2007 zusammen mit dem ICMR ein Konzept für das gemeinsame Forschungszentrum. Bereits im April 2007 fand in Delhi die offizielle Einweihung des IG-SCID durch Professor Mlynek und Professor Ganguly statt, im Mai unterzeichneten das HZI und das ICMR schließlich das „Cooperation Agreement“. Im Oktober 2007 wurden die Aktivitäten des IG-SCID auf Kooperationen mit der Jawaharlal-Nehru-Universität (JNU) erweitert, verbunden mit einem weiteren „Memorandum of Understanding“ zwischen HZI und JNU. 

 

Forschungsschwerpunkte

Gemeinsam arbeiten die Forscher aus Deutschland und Indien im IG-SCID an verschiedenen Projekten. Sie untersuchen dabei sowohl die Wirts- als auch die Erregerseite. Ziel der Forschung ist ein besseres Verständnis von Infektionskrankheiten, die in Indien besonders problematisch sind. Mit dem gewonnenen Wissen wollen die Forscher neue Impfstoffe und Anti-Infektiva entwickeln.

Beispiel "Hepatitis": 12,5 Millionen Menschen in Indien sind mit dem Hepatitis C Virus infiziert. Bis heute gibt es keinen wirksamen Impfstoff. Ein Viertel der Infizierten entwickelt eine Leberzirrhose oder Leberkrebs. Welches sind die Gründe, die hierzu führen? Hinzukommt, dass in Indien vorrangig der genotyp3 des Virus vorkommt, während dies in westlichen Ländern meist genotyp1 ist. Die Variabilität des Virus spielt bei der Suche nach einem Impfstoff eine wichtige Rolle, damit dieser auch sowohl in Deutschland als auch Indien genutzt werden kann. Die Konstellation "Gleiche Krankheit – veränderter Virus" ist auch bei Hepatitis B ein großes Problem: So gibt es in Indien trotz einer Impfung 45 Millionen Menschen mit einer Hepatitis B-Infektion. Bei diesen Menschen zeigt der Impfstoff keine Wirkung. Das Ziel der deutsch-indischen Kooperation ist es, wirksame und günstige Medikamente zu entwickeln und die indische Biodiversität an Hepatitis-Erregern zu untersuchen.

Beispiel "Genetische Anfälligkeit": Auch die Gene des Wirtes spielen bei Infektionen eine wichtige Rolle. Während für den einen eine Grippe kein Problem darstellt, entwickelt sich beim anderen eine schwere Influenza. Das Projekt "Genetische Anfälligkeit" untersucht genau dies. Bisher sind nur wenige Gene bekannt, die bei einer erhöhten Anfälligkeit gegenüber einer Erkrankung eine Rolle spielen. Langzeitstudien ermöglichen einen Blick auf die Zusammensetzung der Gene vieler Menschen. Mit ihrer Hilfe können genetische Faktoren identifiziert werden, die Patienten entweder widerstandsfähiger oder empfänglicher für eine bestimmte Krankheit machen.

Weitere Forschungsschwerpunkte des IG-SCID sind Leishmaniose, eine weitgehend vernachlässigte Krankheit, die die Haut und inneren Organe befällt, und Cholera. 90 Prozent der Fälle von innerer Leishmaniose sind auf fünf Länder beschränkt: Bangladesh, Indien, Nepal, Sudan und Brasilien. Dagegen ist die Cholera immer noch ein weltweites Problem, das auch in Indien allgegenwärtig ist. Die Weltgesundheitsorganisation nimmt an, dass nur zehn Prozent der Fälle gemeldet werden. Ein oraler Impfstoff ist zwar für Reisende verfügbar, jedoch kaum erschwinglich für den breiten Markt in Indien. Die Forscher suchen nach neuen Impfstoffkandidaten, die zu einem kostengünstigen Medikament weiterentwickelt werden können.

 

Ausblick

Nicht nur Erreger, die uns bereits infizieren, sondern auch solche, die es erst in Zukunft eventuell könnten, stehen im Fokus des IG-SCID . Von den 1.500 bekannten Mikroben, die Krankheiten bei Menschen auslösen, sind etwa 60 Prozent Zoonosen, also Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übergesprungen sind. Prominente Beispiele hierfür sind Vogel- und Schweinegrippe. In der Vergangenheit waren es HIV, Pocken, Pest und Masern. Ein globales Netzwerk aus Laboren, die die Expertise der westlichen Länder beinhalten, und ein internationaler Wissenstransfer sind notwendig, um zoonotische Erreger dort zu beobachten, wo sie vorkommen und sich zu neuen Bedrohungen für die Menschheit weiterentwickeln. Nur mithilfe von internationalen Forschungskooperationen wie IG-SCID kann in Zukunft der Kampf gegen Infektionskrankheiten entschieden werden.

Partners

Indian Council of Medical Research (ICMR)

Jawaharlal-Nehru-Universität (JNU)

Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren

MHH Hannover

 

Groups

Homepage

http://www.icmr.nic.in/igscid/about_us.html

Funding Agency

Helmholtz Association