Tatsachen? Forschung unter der Lupe

Gesundheitsstudien – was habe ich davon?

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  • Overview

      Früher rafften Infektionskrankheiten wie Tuberkulose und Cholera die Menschen dahin. Mit besserer Hygiene und Antibiotika konnte man den Schrecken dieser Krankheiten beenden. Die Volkskrankheiten unserer Zeit heißen: Bluthochdruck, Arteriosklerose, Krebs, Diabetes, Demenz, Depression.

    Wieder arbeitet die Medizin daran, auch sie zu heilen. Doch anders als bei Infektionskrankheiten wie Cholera und Tuberkulose ist nicht ein einziger Grund die Ursache, sondern viele verschiedene Faktoren tragen zur Entstehung dieser Krankheiten bei. Es ist schwierig herauszufinden, welche das sind. Wie viel Anteil haben die Gene? Wie viel die Lebensweise? Und, die wichtigste Frage: Könnte man vielleicht verhindern, dass sie überhaupt erst entstehen?

    Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, startete vor zwei Jahren eine der größten Bevölkerungsstudien Deutschlands, die Nationale Kohorte, kurz Nako
    200.000 Freiwillige im Alter von 20 bis 69 Jahren sollen alle vier Jahre medizinisch eingehend untersucht werden – über einen Zeitraum von 20 bis 30 Jahren. Dabei geben die Teilnehmer auch Blut-, Urin-, Speichel- und Stuhlproben ab, die untersucht und eingelagert werden. Alle zwei bis drei Jahre sollen die Studienteilnehmenden auch Fragebogen ausfüllen, in dem sie über ihren Lebensstil Auskunft geben. So entsteht über die Jahre eine Fülle an Daten, von denen sich die Forscher erhoffen, endlich neue Erkenntnisse über die Gründe der Entstehung der komplexen Volkskrankheiten zu gewinnen – und so auch vor allem ihre Vorbeugung, Früherkennung und Behandlung zu verbessern.

    Mit den Daten wird sorgsam umgegangen, sagt Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung und Leiter der Abteilung Epidemiologie der Nako-Studie. „Die Gesundheitsdaten der Teilnehmer und die abgegebenen Proben werden anonymisiert und die Informationen verschlüsselt.“

    Mitmachen kann prinzipiell jeder, die Probanden werden vom regionalen Einwohnermeldeamt per Zufall ausgewählt und mit der Bitte um Teilnahme angeschrieben. Die Nako-Studie ist teuer, die Kosten in Höhe von 210 Millionen Euro alleine für die ersten zehn Jahre tragen das Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie die Helmholtz-Gesellschaft und die Länder.

    Christos Pantazis, Neurologe und Mitglied des niedersächsischen Landtags für die SPD, befürwortet die Studie: „Mit einer so großen Anzahl an Teilnehmern, bin ich überzeugt, dass man am Ende valide Daten bekommen wird – zum Wohle der besseren Gesundheit der Gesellschaft.“ Pantazis erhofft sich auch Erkenntnisgewinne für die Politik: „Die Ergebnisse der Studie können auch Politikern Hinweise geben, manche Bevölkerungsgruppen im Hinblick auf Gesundheitsmaßnahmen künftig stärker zu berücksichtigen.“

    Doch es gibt auch Kritik an der Nako-Studie. „Solche Studien ergeben am Ende immer nur statistische Häufigkeiten und Risiko-Wahrscheinlichkeiten“, sagt Silja Samerski, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethnologie und Kulturwissenschaft an der Universität Bremen. „Statistische Häufigkeiten sagen aber nichts über den individuellen Patienten und sein Schicksal aus. Der gerät bei solch einem statistischen Ansatz aus dem Blick.“

    Bei komplexen Krankheiten mit vielen Risikofaktoren ergeben sich am Ende immer einzelne Wahrscheinlichkeiten. Kürzlich sorgte die Weltgesundheitsorganisation WHO für Schlagzeilen mit der Aussage, dass der Konsum von rotem Fleisch krebserregend sei. Die Experten bezifferten das Risiko derart: Der Konsum von 100 Gramm täglich würde einen Anstieg des Darmkrebsrisikos um 17 Prozent bedeuten. „Die Frage ist, wie Patienten mit Risikoaussagen umgehen und ob diese nicht nur zu mehr Verunsicherung beitragen“, sagt Samerski.


    Date: 20.10.2016, 19:00

    Location

    Haus der Wissenschaft

    Speaker

    Diskussionsteilnehmer:

    Dr. Silja Samerski, Universität Bremen

    Prof. Gérard Krause, Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung

    Dr. Christos Pantazis, Mitglied des Niedersächsischen Landtags

     

    Moderation:

    Jens Lubbadeh