Masern – Krank aus Angst vor der Infektion

Immer wieder sorgten 2015 Schlagzeilen wie „Masern-Epidemie in Berlin – Volles Risiko, tödliche Folgen“ oder „Infektion: Masern sind viel gefährlicher als die Impfung“ für Aufregung und heftige Debatten in der Bevölkerung, unter Medizinern und in der Politik. Der Grund für den Ausbruch scheint ein ganz einfacher: fehlender Impfschutz. 

Masernfälle im Jahr 2016 nach Bundesland. (Quelle: Robert-Koch-Institute) © HZI/ Hielscher

Der Masernausbruch 2015 – der vor allem im Raum Berlin stattfindet – einer der bundesweit größten seit Inkrafttreten des Infektionsschutzgesetzes aus dem Jahr 2011. Im Jahr 2015 gab es 1.243 neue Masern-Fälle in Berlin. Dabei dürften es, ginge es nach den Zielen der Bundesregierung, insgesamt nur 82 Masern-Erkrankungen geben und das im Jahr und bundesweit. Schon zu Jahresbeginn sind damit die Pläne gescheitert, die Infektionskrankheit bis 2015 ausgerottet zu haben. Ein Ziel, zu dem sich die Bundesregierung gegenüber der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verpflichtet hatte.

„Masern-Epidemie in Berlin – Volles Risiko, tödliche Folgen“
„Infektion: Masern sind viel gefährlicher als die Impfung“ 
„Die Masernwelle ebbt nicht ab“

Bereits seit den 1960er-Jahren gibt es einen günstigen und effizienten Impfstoff gegen den Erreger, eingesetzt wird er jedoch zu selten. Auch weil viele Deutsche die Nebenwirkungen von Impfungen fürchten, ist die Impfquote hierzulande im Vergleich zu anderen europäischen Ländern geringer. Hinzu kommt, dass viele Erwachsene unzureichend geschützt sind, da auf eine Auffrischung der Impfung vergessen wurde, beziehungsweise man nicht um deren Bedeutung wusste.

Tödlicher Erreger

Dabei ist die Erkrankung keineswegs zu verharmlosen. Anette Siedler, Leiterin des Fachbereichs Impfprävention am Robert-Koch-Institut sagte gegenüber der Wochenzeitung "Die Zeit":

Masern sollte man auf keinen Fall auf die leichte Schulter nehmen, weder bei Erwachsenen, noch bei Kindern. Wer das einmal hat, wünscht sich oft, er hätte sich impfen lassen.

Das Virus kommt ausschließlich bei Menschen vor und wird durch direkten Kontakt oder eine Tröpfcheninfektion übertragen, wodurch die Ansteckungsgefahr besonders hoch ist.

Masern galten jahrelang als Kinderkrankheit, was vor allem daran lag, dass die meisten Erwachsenen bereits an Masern erkrankt und damit immun gegen das Virus waren. In Wirklichkeit können sich aber auch Erwachsene infizieren und da die Symptome oft erst spät mit Masern in Verbindung gesetzt werden, kann die Krankheit bei ihnen sogar noch größeren Schaden anrichten, als bei Kindern. 

Während die ersten Anzeichen mit Erkältungssymptomen wie Schnupfen und Fieber noch relativ harmlos wirken, kann die Erkrankung auch wesentlich schlimmere Folgen haben. Im Jahr 2011 starben Schätzungen der WHO zufolge 158.000 Menschen weltweit an einer durch das Virus hervorgerufenen Hirnhautentzündung. Bevor es den Impfstoff gab, waren es sogar 548.000 Menschen jährlich.

Effizienter Impfstoff

Bei der Impfung kommt ein Lebendvirusimpfstoff zum Einsatz, der aus abgeschwächten Masernviren hergestellt wird.  Häufig wird gleichzeitig auch gegen Mumps und Röteln geimpft, weshalb man ihn auch MMR-Impfstoff nennt. Wenn der Impfstoff im Körper ist, erkennen die Zellen des Immunsystems, dass ein Krankheitserreger eingedrungen ist. Weil es sich aber um einen stark veränderten, schwachen Erreger handelt, wird das Immunsystem mit ihm fertig. Die Abwehrzellen des menschlichen Körpers lernen auf diese Weise, Masernviren zu erkennen und sich gegen sie zu wehren. Die Fähigkeit Antikörper zu bilden verliert er danach nicht mehr und so sind die Menschen auch dann noch geschützt, wenn sie zu einem späteren Zeitpunkt mit dem Virus in Kontakt kommen. Um sicher zu gehen, dass der Impfstoff wirkt, werden Kinder seit etwa 25 Jahren zweimal geimpft.

Andrew Wakefield und die Angst vor der Impfung

Ein guter Weg, die Infektionskrankheit auszurotten. Das Problem: Immer noch fürchten sich viele Menschen vor den Nebenwirkungen der Impfung. Eine Angst, die in der Vergangenheit immer wieder auch von vermeintlichen Experten geschürt wurde.

Der größte Skandal ereignete sich im Jahr 1998, als der britische Arzt Andrew Wakefield im Fachmagazin „Lancet“ eine Studie veröffentlichte, die einen Zusammenhang zwischen dem MMR-Impfstoff und Autismus bei Kindern herstellte. Später stellte sich heraus, dass die Studie manipuliert und fehlerhaft war. Einen Einfluss auf die Impfraten hatte sie dennoch, denn vor allem in Großbritannien sanken diese im Anschluss an die Veröffentlichung drastisch und es gibt immer wieder Studien, die zeigen, dass Wakefields Veröffentlichung einen negativen Einfluss auf das Impfverhalten hat.

Trotz aller Gegenstudien bleibt also die Angst bestehen, dabei gelten die tatsächlich vom Impfstoff verursachten Nebenwirkungen als harmlos. Wie bei jeder Impfung, kann es zu Rötungen oder leichtem Fieber kommen. Diese Symptome stehen in keinem Verhältnis zum Schaden, den eine Infektion mit dem Virus anrichten kann.

Debatte um Impfpflicht

Auch deshalb hat der neueste Ausbruch zu heftigen Debatten um eine Impfpflicht geführt. Bisher wird wie alle Impfungen in Deutschland zwar empfohlen, sie ist jedoch freiwillig. Der Haken: Wer ohne medizinische Notwendigkeit seinem Kind den Impfschutz verweigert, schadet nicht nur seinem eigenen Kind, sondern auch anderen. So sind gerade Säuglinge, die noch zu jung für die Impfung sind, oder auch Kinder, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können, besonders gefährdet.

Dies ist einer der Gründe, warum auch die Politik inzwischen über eine Impfpflicht nachgedacht wird. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe kündigte zuletzt an, die Frage im Rahmen der anstehenden parlamentarischen Beratungen zum Präventionsgesetz erneut zu diskutieren.

(Rebecca Winkels)

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