Infektionen und Krebs

Lange glaubte man, Krebs und Infektionen seien zwei völlig voneinander unabhängige Krankheitsfelder – und häufig ist diese Meinung noch immer anzutreffen: Infektionskrankheiten fängt man sich von außen ein, Krebs entsteht im Körper. Dass diese strikte Trennung längst nicht mehr gilt, zeigen die drei weltweit häufig auftretenden Tumorerkrankungen Magen-, Leber- und Gebärmutterhalskrebs.

Gebärmutterhalskrebs, oder fachsprachlich Zervixkarzinom, ist die Folge einer Infektion mit humanen Papillomaviren. Die Ursache von fast 80 Prozent aller Leberkrebs-Fälle ist eine Infektion mit Hepatitisviren. Etwa 75 Prozent der Magentumore gehen auf eine Infektion mit Helicobacter pylori zurück.

Und das ist nur die Spitze des Eisbergs: Weltweit erkranken jährlich etwa 14 Millionen Menschen an Tumoren – eine Vielzahl dieser Erkrankungen werden durch Erreger wie Viren oder Bakterien ausgelöst. Und natürlich sind Krebspatienten allgemein besonders anfällig für Infektionen. Infektionsforschung ist also im weiteren Sinne auch Krebsforschung – und umgekehrt.

Gemeinsam gegen Hepatitis C-Viren

Wissenschaftler an der HZI-Tochtereinrichtung Twincore erforschen die Mechanismen, mit denen sich das Hepatitis C-Virus in der Leber vermehrt. Etwa 130 Millionen Menschen sind weltweit mit diesem Virus chronisch infiziert und leben mit dem Risiko, später an Leberkrebs zu erkranken. Gemeinsam suchen Forscher am HZI, dem Twincore und dem HIPS nach neuen Wirkstoffen, die die Vermehrung des Virus hemmen und eventuell als Medikamente geeignet wären. Sozusagen Krebstherapie im Vorstadium.

Epothilon - der Grundstoff eines neuen Krebsmedikamentes - stört die Zellteilung von Tumorzellen im Zellkern: Es blockiert den Spindelapparat und damit die Teilung des hier blau gefärbten Erbmaterials in zwei gleiche Teile.

Alleskönner Naturstoffe

Ein Naturstoff, den HZI-Wissenschaftler auf der Suche nach wirksamen Substanzen aus Bodenbakterien isoliert haben, wurde zum Brustkrebsmedikament weiterentwickelt und 2007 für amerikanische Kliniken zugelassen: Das Epothilon.

Die Suche nach Wirkstoffen aus der Natur bildet einen Schwerpunkt der Forschung am HZI – ganz besonders haben die Wissenschaftler dabei mögliche neue Antiinfektiva im Blick.

Infektionen gegen Krebs

Aber auch in ganz anderer Hinsicht haben Krebs und Infektionen Berührungspunkte. So arbeiten Wissenschaftler des HZI daran, Tumore mit Bakterien zu bekämpfen. Sie setzen Salmonellen ein, die das Krebsgeschwür besiedeln und absterben lassen. Bei der Therapie von Tumoren in Mäusen sind sie bereits erfolgreich. Noch ist die Behandlung von Krebserkrankungen mit Salmonellen jedoch weit von der Anwendung an Menschen entfernt – zu gefährlich sind die Erreger, und zu groß ist die Gefahr, dass sie zwar den Tumor abtöten, aber zugleich den Patienten so schwer schädigen, dass er an der Salmonellose stirbt.

(Dr. Jan Grabowski)

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  • Epothilon: Ein HZI-Molekül wird zum Krebsmedikament
    Wissenschaftler an der ehemaligen Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (GBF), dem heutigen HZI, haben in den 1980er Jahren Epothilon B entdeckt. Dieser Naturstoff stört die Teilung von Krebszellen: Tumore werden durch ihn im Wachstum gebremst, schrumpfen und verschwinden. Das Pharmaunternehmen Bristol-Myers Squibb (BMS) hat jetzt auf der Basis von Epothilon B ein Krebsmedikament auf den US-amerikanischen Markt gebracht. Seine Entwicklung ist so spannend wie ein Krimi...
    Länge: 11:34

Audio Podcast

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  • Salmonellen gegen Krebs
    Salmonellen haftet ein schlechtes Image an – prinzipiell zu Recht. Kaum ein Jahr vergeht ohne Meldung von Salmonellen-Infektionen in den Zeitungen. Aber wie (fast) alles, haben auch Salmonellen zwei Seiten: Sie machen nicht nur krank, sondern sammeln sich auch in Tumoren, finden auf eigene Faust Metastasen und töten diese ab. Hören Sie zu, wie Sara Bartels die Grundlagen für diese revolutionäre Therapieidee erforscht!

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