Reagieren Frauen anders auf Infektionen als Männer?

Männer sind anfälliger für eine Reihe von chronischen Infektionen – Frauen wiederum reagieren häufiger mit Nebenwirkungen auf Infektionen. Weshalb das so ist – und warum es in Zukunft mehr in der klinischen Praxis berücksichtigt werden sollte

Verläuft eine Lungenentzündung bei mir eher glimpflich oder kann sie mit erhöhter Wahrscheinlichkeit lebensgefährlich werden? Wie hoch ist mein Risiko, dass eine COVID-19-Impfung mit Nebenwirkungen einhergeht? Gehöre ich zu einer Gruppe Menschen, die häufiger an chronischer viraler Hepatitis erkranken als andere? Die Antworten auf diese Fragen sind unterschiedlich – je nachdem, welchem Geschlecht man angehört. Wenn Männer wegen einer Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert werden, müssen sie doppelt so häufig wie Frauen auf die Intensivstation verlegt werden (Quelle). Frauen wiederum leiden mehr als doppelt so häufig unter Nebenwirkungen der COVID-19-Impfung wie Männer. Und chronische Hepatitis B ist unter Männern weiter verbreitet als unter Frauen.

„Unter anderem das Immunsystem und seine Schlagkraft unterscheiden sich teilweise erheblich bei Frauen und Männern. Und das hat weitreichende Folgen: für die allermeisten Infektionskrankheiten, für Impfungen, für Autoimmunerkrankungen“, sagt Dr. Henning Jacobsen von der Abteilung Virale Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI).

Für die biologischen Unterschiede zeichnen sich vor allem die Hormone und die Gene verantwortlich. Vereinfacht gesagt führt das männliche Geschlechtshormon Testosteron dazu, dass das Immunsystem ein klein wenig gebremst wird. Abgesehen von der Schwangerschaft, die eine Ausnahme darstellt, wirken bei Frauen die weiblichen Geschlechtshormone – die Östrogene und Progesteron – hingegen eher stärkend auf eine Reaktion des Immunsystems. „Insbesondere die Substanz Interferon Gamma kann durch Östrogene aktiviert werden, sie aktiviert wiederum zahlreiche Prozesse, die mit einer Entzündungsreaktion einhergehen“, sagt Jacobsen.

Neben den Hormonen spielen auch die Gene eine Rolle. „Auf dem X-Chromosom zum Beispiel liegen viele Gene, die wesentlich für das Immunsystem sind. Und anders als der Mann hat die Frau bekanntermaßen zwei X-Chromosomen statt eines“, sagt Professor Markus Cornberg, stellvertretender Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie, Infektiologie und Endokrinologie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und Direktor des Zentrums für individualisierte Infektionsmedizin (CiiM), einer gemeinsamen Einrichtung der MHH und des HZI. „Auch der Toll-like Rezeptor 7, kurz TLR7, wird auf dem X-Chromosom verschlüsselt. Er ist für die frühe Erkennung von eindringenden Viren wichtig“, sagt Cornberg, der zugleich auch Klinischer Direktor des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung ist.

In der Klinik sehen wir bei Männern deutlich häufiger chronische Virusinfektionen als bei Frauen.

Markus Cornberg, Klinischer Direktor des HZI 

All diese Unterschiede in Hormonen und Genen haben einerseits zur Folge, dass bei Frauen Autoimmunerkrankungen häufiger sind, weil das Immunsystem eher überreagiert. Aber bei Kontakt mit einem Erreger reagiert das Immunsystem der Frau eben auch häufig schneller und wirksamer auf die Bedrohung als das des Mannes.

„In der Klinik sehen wir bei Männern deutlich häufiger chronische Virusinfektionen als bei Frauen“, sagt Cornberg, der unter anderem an Hepatitis forscht. Ob chronische Hepatitis B, C, D oder HIV – von vielen chronischen Virusinfektionen sind Männer häufiger betroffen.

Neben der Biologie gibt es noch die soziologischen Unterschiede. „Im Englischen wird zwischen Sex – das biologische Geschlecht – und Gender – die nicht-binäre Geschlechtsidentität sowie der Einfluss der Geschlechterrolle in der Gesellschaft – unterschieden“, erklärt Jacobsen. Auch wenn es in der Geschlechterrolle in vielen Bereichen eine Annäherung in den letzten Jahren gegeben hat, gibt es immer noch genügend Unterschiede – mit geschlechtsspezifischen Folgen für die Infektiologie. Vereinfacht betrachtet – wie gesagt kann die Geschlechtsidentität nicht-binär sein – gehen Frauen durchschnittlich häufiger zum Arzt als Männer und sprechen ehrlicher über ihre Beschwerden. Das wiederum hat Einfluss auf die Behandlungsstrategie auch bei Infektionen. Ein anderes Beispiel: Frauen arbeiten häufiger in Krankenhäusern als Männer – und haben ein entsprechend höheres Risiko, sich mit Erregern zu infizieren, die in Kliniken verbreitet sind.

Egal, woher die Unterschiede kommen, fest steht für Experten wie Cornberg und Jacobsen: In der klinischen Praxis werden sie bislang nicht hinreichend berücksichtigt. Zum Beispiel die Nebenwirkungen bei COVID-19-Impfungen, die bei Frauen deutlich häufiger als bei Männern auftreten. Zugleich zeigt sich aber bei der Kontrolle der Antikörper-Titer, dass Frauen nach einer Impfung einen besseren Impfschutz haben. „Da frage ich mich als Wissenschaftler natürlich, ob man nicht Frauen niedrigere Impfdosen verabreichen könnte, damit diese weniger Nebenwirkungen haben – die Wirkung bei ihnen scheint ja höher zu sein. Oder ob man nicht umgekehrt Männern höhere Impfdosen verabreichen kann, um deren Widerstandsfähigkeit zu steigern“, sagt Cornberg. Doch bislang wird nichts davon ernsthaft in Erwägung gezogen. Auch bei Medikamenten zur Behandlung von Infektionen wird die Dosis immerhin häufig vom Alter oder anderen Faktoren abhängig gemacht – aber fast nie vom Geschlecht, obwohl es im Umfang der Wirkung in vielen Fällen nachweisliche Unterschiede gibt.

Auf den ersten Blick erscheint es ernüchternd. Das Zeitalter der personalisierten Medizin ist angebrochen, wo hochindividuelle Behandlungen entwickelt werden wie die Gentherapie, die auf einen einzigen Patienten zugeschnitten ist. Aber die einfachste Ebene wird nicht ausreichend umgesetzt: Einteilen aller Menschen in lediglich zwei Gruppen, in Männer und Frauen – und nach dieser Einteilung behandeln. Woran liegt das?

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Individualisierte Medizin

Das Zentrum für Individualisierte Infektionsmedizin (CiiM) arbeitet daran, personalisierte Ansätze in der Infektionsmedizin konsequent voranzutreiben. Neben dem Geschlecht betrifft dies auch individuelle Gegebenheiten wie Alter, Vorerkrankungen oder genetische und physiologische Voraussetzungen. [weiterlesen]

Unter anderem bedeutet es zusätzlichen Aufwand in der Forschung, jeweils noch nach dem Geschlecht zu unterscheiden. Klar, das biologische Geschlecht wird bei klinischen Studien immer ermittelt und angegeben. „Aber damit Geschlechtsunterschiede ebenso aussagekräftig sind wie die Ergebnisse bei allen Probanden, bräuchte man eine doppelte Zahl an Probanden – und das kann bei klinischen Studien sehr aufwändig und teuer sein“, sagt Jacobsen. Für die Unternehmen zahlt sich das selten aus: Statt einer Dosierung müssen sie zwei verschiedene Dosierungen herstellen, und es besteht immer das Risiko, dass die Wirksamkeit in einer der Gruppen zu gering ist.

Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass die Größe der Unterschiede der Geschlechter bei der Impfung vor und Therapie von Infektionskrankheiten noch nicht in die breite Medizinergemeinde durchgesickert ist. Immerhin wurden viele Erkenntnisse in diesem hochdynamischen Feld erst in den letzten Jahren errungen. Jacobsen ist hoffnungsvoll, dass sich dies bald ändert: „Mit jeder relevanten Erkenntnis, die zu den Geschlechtsunterschieden in der Infektiologie gewonnen wird, dürfte ein breiterer Einzug in die klinische Praxis näher rücken.“

Autor: Christian Heinrich
Veröffentlicht: November 2023

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