Affenpocken – Das sagen die HZI-Expert:innen

Seit Mitte Mai 2022 melden mehrere Länder, in denen Affenpocken nicht endemisch sind, eine Häufung von Infektionen mit dem Affenpockenvirus. Auch in Deutschland wurden erste Fälle diagnostiziert. Forschende des Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) tragen mit ihrer Expertise dazu bei, die aktuelle Situation einzuschätzen und die Öffentlichkeit aufzuklären.

Das Affenpockenvirus (monkeypox virus, MPXV) ist mit dem ausgerotteten Pockenvirus verwandt. Trotz des Namens sind Affen nicht das natürliche Virusreservoir. Stattdessen sind Nagetiere vermutlich das Reservoir, bei dem sich auch Affen anstecken können. Über welche Tiere das Virus bei den aktuellen Fällen auf Menschen übergesprungen ist, ist derzeit unbekannt.

Prof. Fabian Leendertz, Gründungsdirektor des Helmholtz-Instituts für One Health in Greifswald (HIOH) und Leiter der Abteilung „Ökologie und Entstehung von Zoonosen“, erforscht die Schnittstelle zwischen Tiergesundheit, Umwelt und menschlicher Gesundheit. Das HIOH ist ein Standort des HZI, der gemeinsam mit der Universität Greifswald, der Universitätsmedizin Greifswald und dem Friedrich-Loeffler-Institut, Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit (FLI) als lokale Gründungspartner aufgebaut wird. Gegenüber dem Science Media Center Germany schätzt Leendertz die aktuelle Situation folgendermaßen ein:

Ich würde dies bereits als eine Epidemie bezeichnen, es ist jedoch sehr unwahrscheinlich, dass diese Epidemie lange dauern wird. Die Fälle sind über Kontaktverfolgung gut einzugrenzen und es gibt auch Medikamente und wirksame Impfstoffe, die gegebenenfalls eingesetzt werden können.

Prof. Fabian Leendertz
Gründungsdirektor des Helmholtz-Instituts für One Health

Jetzt seien jedoch gute epidemiologische Daten notwendig, um zu verstehen, ob und wie die Fälle zusammenhängen, sagt der Zoonosen-Experte. In der Vergangenheit hat er bereits Studien zum Auftreten des Affenpockenvirus in Schimpansen (Publikation in Nature Microbiology) und pavianartigen Rußmangaben (Publikation in Emergent Infectious Diseases) in Cote d’Ivoire veröffentlicht.

In einem weiteren Interview mit der Tagesschau äußert Leendertz sich zur Übertragung des Virus und Symptomen: „Das Virus verursacht eindeutige Symptome und mit der klassischen Kontaktnachverfolgung können Infektketten nachvollzogen werden, um den Ausbruch einzudämmen.“

Die Verwandtschaft des Affenpocken-Virus mit dem Pockenvirus hat auch Konsequenzen für den Impfstoff. Es gibt eine Kreuzreaktivität zwischen den Viren – der Pockenimpfstoff schützt auch gut einer Affenpockeninfektion, wenn auch nicht zu 100%.

Die Pockenimpfung kann über viele Jahrzehnte Schutz vor einer Affenpockeninfektion bieten oder zu milderen klinischen Symptomen führen.

Prof. Luka Cicin-Sain, Leiter der Abteilung Virale Immunologie

Das sagt Prof. Luka Cicin-Sain, Leiter der Abteilung „Virale Immunologie“ am HZI, über die Personen, die im Kindesalter gegen Pocken geimpft wurden. In der BRD wurde die Pockenimpfpflicht 1976 aufgehoben, in der DDR erst 1982. Die meisten jungen Menschen sind jedoch nicht mehr gegen Pocken geimpft und haben daher keinen Schutz. Das Windpockenvirus gehört trotz des Namens nicht zur Familie der Pockenviren, sondern zu den Herpesviren. Eine Windpockeninfektion oder –impfung bietet daher auch keinen Schutz vor den Affenpocken.

Untersuchung des Affenpockenausbruchs in Nigeria 2017 - 2019

Im Jahr 2017 wurde in mehreren Regionen von Nigeria ein Affenpockenausbruch beobachtet. Die Abteilung Epidemiologie am HZI unter der Leitung von Prof. Gérard Krause hat daraufhin das digitale Tool zur Seuchenbekämpfung SORMAS (Surveillance, Outbreak Response Management and Analysis System) innerhalb kürzester Zeit weiterentwickelt und ein Affenpocken-Modul bereitgestellt. SORMAS hilft bei der Erfassung von Daten zu Übertragungswegen und der geographischen Verteilung von Infektionsfällen.

Ein Forschungsteam um Prof. Gérard Krause war an der Untersuchung eines Affenpocken-Ausbruchs in Nigeria von 2017 bis 2019 beteiligt und hierbei auch das digitale System SORMAS eingesetzt, um den Ausbruch einzudämmen. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler:innen in den Fachmagazinen The Lancet Infectious Diseases  undEmerging Infectious Diseases.

Zum aktuellen Ausbruch sagt Krause:

In der Regel heilt die Erkrankung ohne Folgen aus. Bei der Epidemie, die wir 2017 in Nigeria untersucht haben, gab es unter den erfassten Affenpockenerkrankungen etwa 6% Todesfälle. Es gelang aber nicht herauszufinden, inwieweit diese überwiegend durch andere gleichzeitige Erkrankungen verursacht wurden. Es ist davon auszugehen, dass der Anteil der Todesfälle unter den in Europa auftretenden Affenpockenfällen deutlich niedriger sein wird als damals in Nigeria.
Prof. Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie

Da der aktuelle Ausbruch in Europa ungewöhnlich sei, sieht Krause einige dringende Fragen, die von der Forschung und Gesundheitsbehörden nun untersucht werden sollten. Dazu gehört die Suche nach direkten oder indirekten Zusammenhängen zwischen den in Europa infizierten Menschen (z.B. persönliche Kontakte oder Expositionen mit Nagetieren) und die Charakterisierung der Infizierten (Alter, Immunstatus, Geschlecht, Reisegeschichte). Zudem sollten die molekularen Eigenschaften des Virus bei verschiedenen Infizierten untersucht werden und Hinweise auf ggf. unerkannt gebliebene Affenpockeninfektionen bei Kontaktpersonen gesucht werden.

Mit der SORMAS-App gegen Epidemien in Nigeria

Zoonosen

Zoonotische Erreger können auf natürlichem Wege von Tier auf den Menschen oder umgekehrt übertragen werden. Viele neue Infektionskrankheiten wie SARS-CoV-2 aber auch altbekannte Erkrankungen wie die Pest gehen auf Zoonosen zurück. [weiterlesen]

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