Portrait

Die Bioinformatikerin Yang Li baut am Zentrum für individualisierte Infektionsmedizin eine neue Abteilung auf. Sie durchforstet Datenberge, um maßgeschneiderte Therapien gegen Infektionen zu ermöglichen.

Die Datendetektivin

Seit Mai ist Yang Li in Deutschland. Li ist ein häufiger Familienname, den die neue Professorin am Zentrum für individualisierte Infektionsmedizin (CiiM) mit Fußballstars, Modedesignern und rund 100 Millionen Chinesen weltweit teilt. Europäischer Tradition gemäß nennt sie ihn hier an zweiter Stelle und zeichnet Emails formlos mit „Yang“. Wenn sie in China ist, wird Yang Li wieder zu Li Yang, hier wird der Familienname zuerst genannt. Ist das nicht verwirrend? „Überhaupt nicht“, sagt Li. “In China benutzen wir die entsprechenden Schriftzeichen, die sind eindeutig - Verwechslung ausgeschlossen.“. Verwirrend fand sie dagegen die Vielfalt an Sprachen, die ihr begegnete, als sie nach Europa kam. Inzwischen ist ihre eigene Familie polyglott. Ihre beiden Töchter wachsen wie selbstverständlich mit Chinesisch, Englisch, Niederländisch auf - und jetzt Deutsch. Die ältere der beiden war gerade vier, als Yang Li in die Niederlande ging, um an der Universität Groningen zu promovieren. Ihr Mann half ihr, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Die beiden Wissenschaftler sind ein eingespieltes Team. „Wir sind schon in China auf dieselbe Schule gegangen, allerdings ohne uns zu kennen“, erzählt Li lachend. „Erst an der Universität, wo ich nach dem Studium forschte und lehrte, haben wir uns dann kennengelernt. Ich bin meinem Mann nach Europa gefolgt, als er nach Brüssel ging, und er ist mit mir nach Groningen gekommen.” Dort entdeckte die studierte Chemikerin die Bioinfomatik für sich. Zwar kostete es sie einige Anstrengung, sich die biologischen und genetischen Grundlagen zu erarbeiten. Doch sie war begeistert: „Endlich konnte ich meine Kenntnisse in Mathematik, Informatik und Statistik auf echte biologische und medizinische Fragestellungen anwenden“, sagt sie. „Ich hatte meinen Traumjob gefunden.”

Ihre Mühen zahlten sich bald aus: Für ihre Forschung erhielt sie angesehene Auszeichnungen, sowohl aus China wie auch aus Europa. Lis erster Artikel in ihrer neuen Disziplin erschien in PLOS Genetics und wird bis heute vielfach zitiert. Die Studie beschreibt, welche genetischen Faktoren die Genregulation als Antwort auf veränderte Umweltbedingungen bestimmen.

Ihre fundierten Kenntnisse in Chemieinformatik und Systemgenetik halfen der ehrgeizigen Wissenschaftlerin, bald ihre eigene Forschungsnische in der Systembioinformatik zu etablieren und für ihre Arbeit im großen Umfang Drittmittel einzuwerben. Als Gruppenleiterin entwickelte sie in Groningen verschiedene bioinformatische Methoden der funktionellen Genetik. Heute studiert ihre ältere Tochter in Groningen Medizin, während Li sich mit anhaltender Begeisterung der Bioinformatik widmet. „Heutzutage ist es relativ einfach, große, vieldimensionale und hochkomplexe Datenmengen zu generieren“, sagt Li. „Diese zu analysieren ist allerdings eine Herausforderung, eine einzigartige, aufregende Aufgabe für Bioinformatiker.“ Mit ihren Mitarbeitern entwickelt sie Methoden, um aus den Datenbergen nützliche biologische Informationen herauszufiltern. „Mir dafür immer neue Strategien zu überlegen, macht mir jeden Tag Spaß”, erzählt sie voller Enthusiasmus.

Li ist auch Mitglied des Human Functional Genomics Project – ein holländisch-amerikanisch-deutsches Projekt, das die Unterschiede im Erbgut verschiedener Menschen untersucht. Mit ihrem Team arbeitet Li daran, die genetischen Grundlagen unterschiedlicher Immunantworten bei Menschen zu verstehen. „Durch die Kombination verschiedener Omics-Ansätze konnten wir schon einige fundamentale biomedizinische Aspekte der menschlichen Abwehr ergründen“, sagt sie.

Centre for Individualised Infection Medicine

Individualisierte Ansätze in der Infektionsbekämpfung sind das erklärte Ziel des CiiM. Das CiiM ist eine gemeinsame Einrichtung des HZI und der MHH. Die am Zentrum angesiedelten Forschungsaktivitäten zielen darauf ab, den Einfluss individueller Gegebenheiten auf den Infektionsverlauf zu untersuchen und diese Erkenntnisse in eine optimierte klinische Versorgung der Patienten mit Infektionskrankheiten umzusetzen. [weiterlesen]

Als die Anfrage vom CiiM kam, ob sie als Infektionsforscherin nach Hannover kommen und die neue Abteilung für Bioinformatik der individualisierten Medizin aufbauen wolle, beriet sie sich wieder mit ihrem Mann. Er stimmte zu und konnte die Leitung einer Forschungsgruppe an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) übernehmen. Seit dem Sommer geht nun ihre jüngere Tochter in Hannover zu Schule, lernt rasch die neue Sprache. „Sicher wird sie mir bald Deutsch beibringen“, sagt die Professorin - zwinkernd, und nicht ganz ohne Stolz.

Li und ihr Mann arbeiten jetzt Wand an Wand, sie für das HZI, er für die MHH, beide unter dem Dach des TWINCORE. Ihre neue Wirkstätte beschreibt Li mit vielen Superlativen. „Das HZI bietet mir ein erstklassiges Forschungsumfeld“, sagt sie. „Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit den hiesigen Immunologen, Epidemiologen, Genetikern, Mathematikern, Infektionsbiologen, Klinikern und translationalen Gruppen. Die strategischen Allianzen, zum Beispiel mit der MHH, und die hochmodernen Omics-Plattformen bilden eine optimale Grundlage für meine Forschung.“ Li verfolgt computergestützte Big Data-Ansätze, um den Einfluss genetischer und äußerer Faktoren auf die individuelle Anfälligkeit für Infektionen und auf den Verlauf der Erkrankungen zu verstehen. „Dank der Hannover Unified Biobank und der bestehenden Patientenkohorten können wir hier gemeinsam mit Klinikern und Big Data-Wissenschaftlern Daten von hunderten von Patienten mit Erkenntnissen aus der Literatur korrelieren“, sagt sie.

Für ihre neue Abteilung rekrutiert Li Doktoranden, Postdocs, einen Labormanager und technische Assistenten. „Wir werden hier auch unser eigenes Wet-Lab einrichten, in dem wir Experimente und Analysen durchführen und auch publizierte Ergebnisse reproduzieren können.“ Die frisch gekürte Abteilungsleiterin hofft, dass die Ergebnisse ihrer Forschung als Katalysatoren wirken für die Entwicklung innovativer Methoden, Infektionen individuell vorzubeugen, zu diagnostizieren und zu behandeln. „Davon profitiert die ganze Gesellschaft.”

Autorin: Ulrike Schneeweiß

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