Spot on im Räderwerk der Zelle

Antoine-Emmanuel Saliba forscht dort, wo Infektionen ihren Anfang nehmen.

„Was genau geschieht bei Infektionen in der einzelnen Zelle? Wie, wo und wann wird der Stoffwechsel innerhalb infizierter Zellen verändert? Wenn wir das besser verstehen lernen, können wir Ansatzpunkte für passgenaue und wirksame Therapien finden“, sagt Antoine-Emmanuel Saliba. Seit mehr als drei Jahren leitet er die Arbeitsgruppe Einzelzellanalyse am Helmholtz-Institut für RNA-basierte Infektionsforschung (HIRI), einem Standort des Braunschweiger Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI). Um die Auswirkungen einer Infektion auf den Zellstoffwechsel sichtbar zu machen, vergleicht er gesunde und infizierte Zellen in Hinblick auf die in ihnen vorhandene RNA (englisch: Ribonucleic Acid). RNA dient in der Zelle als Vorlage für die Herstellung von Proteinen und zeigt an, welche Gene in der Zelle aktiviert wurden. „Durch den Vergleich der RNA-Profile zwischen gesunden und infizierten Zellen können wir das zelluläre Räderwerk im Detail ausleuchten und feststellen, wann und an welchen Stellen es aus dem Takt gerät, und wo genau Krankheitserreger Sand ins Getriebe streuen“, erklärt Saliba.

Sein Weg hin zur Infektionsforschung auf der Ebene einzelner Zellen begann mit einem Bioengineering-Studium in Toulouse. „Bereits damals fesselten mich die mikro- und infektionsbiologischen Studienschwerpunkte ganz besonders“, sagt der 39-Jährige mit französisch-libanesischen Wurzeln. „Wie ticken Krankheitserreger? An welchen Stellen greifen sie an? Wie tricksen sie unsere Zellen aus? – Solche Fragen haben mich schon während des Studiums fasziniert.“ Während seiner Promotion am Institut Curie in Paris setzte Saliba zunächst einen anderen Schwerpunkt und entwickelte Systeme zur Analyse von Krebszellen. Im Anschluss ging er an das European Molecular Biology Laboratory in Heidelberg, wo er an Methoden zur Sichtbarmachung von Protein-Lipid-Wechselwirkungen forschte. „Das sind ganz wichtige Aspekte, um zu verstehen, wie Enzyme in unserem Körper agieren“, sagt Saliba. „Die biochemische Forschung war spannend, doch wollte ich in einem Bereich forschen und arbeiten, für den mein Herz schlägt – in der Infektionsforschung.“ Daher wechselte er 2013 an das Institut für Molekulare Infektionsbiologie (IMIB) an der Universität Würzburg, wo er an der Etablierung der RNA-basierten Einzelzellanalyse beteiligt war.

Seit 2017 ist er am HIRI tätig und leitet ein sechsköpfiges Team, mit dem er den Machenschaften von Krankheitserregern in der Zelle auf die Spur kommen möchte – insbesondere zu Beginn und im weiteren Verlauf einer Infektion. „Es gibt bakterielle Erreger, die in verschiedenen Zelltypen unerkannt überdauern und wiederkehrende Infektionen verursachen können“, sagt Saliba. „Das ist paradoxerweise sogar in Makrophagen der Fall, also in den Immunzellen, die eigentlich für die Vernichtung von Krankheitserregern zuständig sind.“ Um die dunklen Verstecke der Erreger in den Zellen aufzuspüren, kann die RNA-basierte Einzelzellanalyse im übertragenen Sinne die Scheinwerfer anknipsen. „Die Veränderungen der RNA-Profile geben uns wichtige Hinweise, an welchen Stellschrauben die Erreger in den Zellen drehen, um in ihnen über längere Zeit unerkannt zu bleiben“, sagt Saliba. „Mit der Einzelzellanalyse verfügen wir über ein wertvolles und vielversprechendes Analysewerkzeug, um Infektionen künftig von einer neuen Seite her effektiv angehen zu können.“

Während Saliba in seiner Forschung den Fokus ins Detail richtet, liebt er im Privaten den Überblick über das große Ganze: „Für mich gibt es nichts Schöneres als zu fliegen. Mein Traum ist es, bald meine Fluglizenz zu bekommen.“ Saliba lebt und arbeitet nun schon seit mehr als zehn Jahren in Deutschland. Vermisst er die französische Lebensart nicht dann und wann? „In kulinarischer Hinsicht manchmal schon“, lacht Saliba. „Das ist aber auch das Einzige. Die deutsch-französische Freundschaft lebe und erlebe ich jeden Tag – das ist wirklich großartig!“

Autorin: Nicole Silbermann

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