Portrait

Alice McHardy verrät uns, wie sie zur Bioinformatik kam und was sie an ihrer Arbeit mit riesigen Datenmengen so fasziniert.

„Ich habe jeden Tag das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun“

Angst vor Zahlen hatte sie noch nie. Mathematik und Naturwissenschaften haben ihr schon zu Schulzeiten gelegen. Doch dass sie sich einmal als Forscherin in einem Bereich der Informatik wiederfinden würde, hätte Alice McHardy nicht gedacht, als sie sich an der Universität Bielefeld in das Studienfach Biochemie einschrieb. „In den ersten Semestern merkte ich schnell, dass die Laborarbeit nicht so mein Ding war“, erinnert sich die 42-Jährige. Eine Karriere als Biochemikerin – Tag ein, Tag aus im Labor – erschien ihr nicht das Richtige zu sein. „Ich suchte daher nach einer Möglichkeit, wie ich später ohne weißen Laborkittel in der Forschung arbeiten könnte“, sagt McHardy. „Denn die theoretischen Zusammenhänge der Wissenschaft faszinierten mich nach wie vor.“ Sie stieß auf Bioinformatik und kam bei der Suche nach einem Thema für ihre Diplomarbeit mit einem Gruppenleiter aus dem Lehrstuhl für Genetik ins Gespräch, der ihr erklärte, was aus dem genetischen Code eines Bakteriums mithilfe der Bioinformatik alles abgelesen werden kann. „Dass rechnergestützte Analysen ein so mächtiges Werkzeug sind, mit dem man aus riesigen Datenmengen Informationen ableiten und neues Wissen generieren kann, hat mich extrem beeindruckt“, sagt McHardy. Von da an hatte sie Feuer gefangen und ihre Entscheidung stand fest: Nach ihrem Biochemiestudium hängte sie ihren Laborkittel an den Nagel und promovierte in der Bioinformatik.

Seitdem stürzt sich die Forscherin mit schottischen Wurzeln täglich mit Freude in die Datenflut, um nach neuen Mustern zu suchen, einen versteckten Code zu entlarven oder ein unentdecktes Geheimnis der Wissenschaft zu lüften. Zum Beispiel entwickelte sie Simulationen, um die Struktur neuer Virenstämme des Grippevirus möglichst genau vorhersagen zu können. Nach ihrer Promotion ging sie für zwei Jahre an das IBM-Forschungszentrum in den USA. Danach wechselte sie an das Max-Planck-Institut für Informatik in Saarbrücken und hielt an der Universität des Saarlandes Vorlesungen für Studierende der Informatik. Ihre Professur erlangte sie 2010 und wurde an die Universität Düsseldorf berufen. Im Jahr 2014 kam McHardy dann ans Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI). Mit ihrer Forschung möchte sie neue Ansatzpunkte für Behandlungsmöglichkeiten aufspüren und die personalisierte Medizin in der Infektionsforschung voranbringen, damit Patienten in Zukunft besser behandelt werden können.

„Dass ich meine Arbeit aktiv gestalten und eigenen Forschungsideen nachgehen kann, ist wirklich toll“, sagt McHardy. „Ich habe jeden Tag das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun – und das ist sehr erfüllend.“ Mit Partnern aus aller Welt Projekte zu planen, umzusetzen und wissenschaftliche Veröffentlichungen auszuarbeiten, macht ihr an ihrem Job besonders großen Spaß. „Zu meinen geliebten Hobbys – vor allem Lesen und Tanzen – komme ich momentan allerdings kaum. Familie und Beruf gehen zurzeit einfach vor. Und Legobauen hat ja schon auch etwas Entspannendes“, sagt McHardy lächelnd. Wenn sie mit ihrem Vierjährigen zwischen den bunten Steinen sitzt, ist sie auch wieder ganz in ihrem Element: dem Chaos aus einer Flut an Einzelbausteinen eine sinnvolle Struktur abgewinnen und immer das große Ganze im Blick behalten. Und das mit dem Lesen wird sich mit der Zeit sicher noch fügen. So spannend wie ein Krimi ist ihre Forschung allemal – mindestens!

Autorin: Nicole Silbermann

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