"KrankheitsErregend": Referent Wilfried Bautsch im Interview

Der Mediziner über die Vortragsreihe, seine Erwartungen und das Thema Clostridium difficile

04.11.2014

Prof. Dr. Dr. Wilfried Bautsch

©Klinikum Braunschweig / Jörg Scheibe

Lieber Herr Bautsch, sie nehmen ja bereits zum zweiten Mal an der Reihe  Krankheitserregend teil. Was reizt sie an der Veranstaltung?

Der informierte mündige Bürger ist nicht nur ein Ziel von Politikern, sondern auch von Medizinern und Wissenschaftlern. Auch wir müssen unser Handeln und unsere Wünsche gegenüber den Bürgern rechtfertigen. Insofern begrüße ich schon ganz grundsätzlich alle Aktivitäten, die in diese Richtung zielen. An der Reihe Krankheitserregend ist natürlich besonders attraktiv, dass man tatsächlich mit interessierten Bürgerinnen und Bürgern zusammenkommt, da diese ja schon einmal den Aufwand in Kauf genommen haben, an einem Wochenende aktiv zu so einer Veranstaltung zu gehen. Das ist etwas ganz anderes als etwa ein Artikel in einer Zeitung, bei dem man nie so genau weiß, ob und von wem er mit welcher Aufmerksamkeit gelesen wird. Auch die Zusammensetzung ist ungewöhnlich, schließlich sprechen Mediziner, die ganz praktisch mit den Problemen vor Ort konfrontiert sind, und Wissenschaftler, die Lösungen für diese Probleme suchen, auf einer gemeinsamen Veranstaltung. Meist werden solche Veranstaltungen ja getrennt von den verschiedenen Professionen durchgeführt. Und gerade in Braunschweig ist eine solche Veranstaltung sehr attraktiv, da wir hier einerseits ein großes Klinikum der Maximalversorgung haben und gleichzeitig eine der forschungsintensivsten Städte Deutschlands sind  - gerade auch auf dem Gebiet der Infektionsforschung. Und schließlich bekommen die Probleme, die Aktivitäten und die Institutionen auf diese Weise für den interessierten Bürger auch ein „Gesicht“ in Form der Vortragenden, ein wichtiger Aspekt, wenn man in der Bürgerschaft verankert sein will.

Warum sind Krankenhauskeime gerade zur heutigen Zeit ein wichtiges Thema?

Allen Qualitätsanstrengungen der Vergangenheit zum Trotz steigen die Resistenzraten vieler wichtiger Erreger an, und Keime - wie Clostridium difficile - werden zunehmend ein Problem in der Krankenversorgung.  Kontrolle des Antibiotikaeinsatzes und verbesserte Hygiene werden auch in der Öffentlichkeit zunehmend als zentrale Aufgaben in der Krankenversorgung wahrgenommen, denken Sie etwa an die öffentlichen Reaktionen auf einige wirkliche oder vermeintliche „Hygieneskandale“ der jüngsten Zeit.  An diesbezüglich eindeutigen Statistiken und Warnungen vieler Experten hat es ja schon seit geraumer Zeit nicht gemangelt. Und inzwischen hat auch die Gesetzgebung reagiert und viele neue Regelungen getroffen.

Aber die Probleme sind komplex, einfache Lösungen gibt es meist nicht und die „Schuldfrage“ führt ohnehin meist in die Irre. Und da bietet eine solche Veranstaltung wie Krankheitserregend natürlich auch die Möglichkeit, Fehlwahrnehmungen in der Bevölkerung zu korrigieren und Verständnis für die manchmal recht schwierige Situation der Ärzte und Pflegekräfte  zu wecken und die Wichtigkeit der Forschung für die Lösung der Probleme herauszustellen.

In ihrem speziellen Vortrag wird es um Clostridium difficile gehen, inwiefern haben sie in ihrer täglichen Arbeit mit dem Keim zu tun?

Ich bin Leiter des mikrobiologischen Labors und der zuständige Krankenhaushygieniker des Städtischen Klinikums: Es werden praktisch jeden Tag Patienten mit C. difficile identifiziert und der Keim aus Stuhlproben im mikrobiologischen Labor angezüchtet. Kurze Antwort: Viel!

Ist der Keim unter Klinikern wirklich gefürchtet?

„Gefürchtet“ ist wahrscheinlich das falsche Wort. Ärzte und Pflegekräfte sind nicht persönlich bedroht, sondern nur Patienten unter Antibiotikagabe. Bei denen kann es aber durchaus sehr schwere Verläufe bis hin zur Todesfolge geben (auch wenn die meisten C. difficile-Infektionen natürlich als eher harmloser Durchfall auffallen). Außerdem gibt es sehr hartnäckige, immer wiederkehrende Verläufe, die für die Patienten und die Pflegenden natürlich sehr belastend sind und entsprechende Probleme in der Therapie stellen. 

Gibt es in letzter Zeit ein gesteigertes Interesse von Patienten an dem Thema? Steigen beispielsweise Nachfragen?

Diese Frage müssten Sie eher den behandelnden Ärzten und Schwestern stellen, aber ich darf sagen, dass es immer wieder Fragen von deren Seite an die Krankenhaushygiene gibt.

Ist das Thema in allen Krankenhäusern gleich relevant oder sind bestimmte Orte besonders gefährdet?

Natürlich sind nicht alle Patienten gleich häufig betroffen, so dass es sehr wohl Unterschiede gibt zwischen den verschiedenen Abteilungen in einem Krankenhaus und – je nachdem welche Patienten in einem Krankenhaus versorgt werden – auch zwischen Krankenhäusern. Aber ich darf wohl behaupten, dass C. difficile generell ein Problem für alle Akutkrankenhäuser und viele nachgeordnete Versorger ist.

Was muss aus ihrer Sicht langfristig getan werden, um das Problem der Krankenhauskeime und speziell Clostridien erfolgreich zu bekämpfen?

Oje, das würde eine sehr lange Antwort erfordern, die den Rahmen sicherlich sprengen würde. Aus medizinischer Sicht sind hier insbesondere die Kontrolle des Einsatzes vorhandener Antibiotika, die Entwicklung neuer Antibiotika bzw. Therapiemaßnahmen und verbesserte Hygienemaßnahmen (einschl. Impfstrategien) zu nennen; das erfordert u.a. die Kooperation und Vernetzung der verschiedenen Versorger im Gesundheitssystem und intensive Forschungsbemühungen. Wer sich näher dafür interessiert, der sei u. a. auf die DART-Initiative des Bundesministeriums für Gesundheit verwiesen. Speziell bei C. difficile erhoffe ich mir persönlich auch viel von der Mikrobiomforschung.

Was erhoffen sie sich von der Veranstaltung und der Diskussion mit einem Kollegen aus der Forschung?/ Wie wichtig ist die Kommunikation und Zusammenarbeit miteinander?

Ich glaube, es bestehen schon ganz gute Verbindungen zwischen dem Städtischen Klinikum und den Forschungseinrichtungen in Braunschweig. Aber hier wie überall gilt: Alles lässt sich noch verbessern, und wenn man sich persönlich besser kennt, senkt das die Hemmschwelle, in Kontakt zu treten, um Kooperationsprojekte voranzutreiben. Und das ist ja wohl im Interesse aller Beteiligten, nicht zuletzt der Patienten.