Internationaler Frauentag: Frauenquote und Frauenförderung am HZI

Im Gespräch mit Franziska Broer, Administrative Geschäftsführerin des HZI

08.03.2016

Franziska Broer

Heute ist Internationaler Frauentag. Für uns Anlass genug mit Franziska Broer, der Administrativen Geschäftsführerin des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig, über Frauenquote, Frauenförderung am HZI und bei Helmholtz und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu sprechen.


Die aktuelle Lage am HZI stellt sich so dar, dass es zwar etwa gleich viele Frauen und Männer am Zentrum gibt, aber der Anteil von Frauen in Führungspositionen nur bei rund 25 Prozent liegt. Das ist ja nicht wirklich zufriedenstellend oder?

„Ja das stimmt. Wenn man die Lage am HZI mit dem Helmholtz-Durchschnitt vergleicht, ist das schon ganz gut. Wir haben aber ganz klare Zielquoten vorgegeben, um bis 2017 bestimmte Werte orientiert am Kaskadenmodell zu erhöhen.“

Was ist mit Kaskadenmodell gemeint?

„Um die Führungspositionen gerecht zu besetzen, nimmt man als Ausgangsquote für alle Fächergruppen, die Anzahl der weiblichen Doktoranden in diesem Bereich. Aus diesem Kreis kann man letztendlich rekrutieren. Man baut also eine Kaskade auf. Es ist schlicht und einfach unmöglich zu sagen, man möchte im W3-Bereich von heute auf morgen auf 50 oder mehr Prozent Frauen erhöhen. Dazu muss man zuerst prüfen, wie viele in der darunterliegenden Stufe sind. Schließlich ist das der Personenkreis, aus dem man in den nächsten 5 Jahren rekrutieren kann. Daher ist es ein langsamer Prozess.“

Könnte die Zielquote trotzdem ambitionierter sein, als knapp unter 25 in der ersten Führungsebene und knapp über 35 in der zweiten?

„Leider ist das kaum möglich. Man kann ja immer nur die neu zu besetzenden Positionen mit einer Frau besetzen. Wenn wir uns das am HZI anschauen, haben wir in den vergangenen Jahren schon viele Rekrutierungen vorgenommen. Da sind jetzt gar nicht so viele freie Positionen, dass wir sagen können, wir könnten jetzt mit einem Sprung auf diese 50 Prozent kommen, selbst wenn wir total tolle Bewerbungen hätten. Selbst wenn man Zielquoten festlegt, hat man nur eine bestimmte Anzahl von frei werdenden Positionen. Selbst bei denen kann man dann nicht sagen, dass diese zu 100 Prozent mit Frauen besetzt werden sollen. Für die nächsten 5 Jahre alle Männer aus allen Verfahren auszuschließen, ist sicherlich auch nicht der Königsweg. Im W3-Bereich ist die Fluktuation natürlich auch deshalb gering, weil viele Leute dann nicht mehr die Stelle wechseln.“

Was wird am HZI konkret für Frauenförderung getan?

„Im Kleinen versuchen wir natürlich die Rahmenbedingungen zu schaffen, mit Kita-Plätzen, mit einer Notbetreuung. Wir versuchen außerdem gezielt Positionen mit Frauen zu besetzen und Frauen mit Potential zu fördern. Da wird im Bereich der Mentoring-Programme sehr viel getan.“

Werden die Zentren von der Helmholtz-Gemeinschaft dabei unterstützt, gezielt Frauen einzustellen?

„Wo das möglich ist ja. Bei den Nachwuchsgruppen beispielsweise ist es im Helmholtz-Verfahren wirklich so, dass das Verhältnis 50/50 ist. Eine solche Maßnahme ist natürlich extrem hilfreich, um die Quote schneller nach oben zu treiben. Die Geschäftsstelle nimmt dabei nochmal zusätzliches Geld in die Hand, geht auf die Zentren zu und sagt: wenn ihr eine tolle Frau aus dem internationalen Umfeld berufen könnt, dann kriegt ihr zusätzliches Geld. Dadurch rückt das Finanzielle in den Hintergrund, das Credo lautet: Habt ihr ein gutes Thema, eine gute Kandidatin, dann schickt die in den Wettbewerb und Helmholtz unterstützt die finanzielle Seite. Das hat bei der Rekrutierungsinitiative, die sich langsam im Abschluss befindet, extrem gut funktioniert. Von den Stellen, die da jetzt vergeben wurden, waren über die Hälfte für Frauen vorbehalten und das hat auch funktioniert. Allerdings ist auch das ein Prozess, der dauert einfach noch ein bisschen. Um dranzubleiben, braucht es erstens begleitende Instrumente, um es zu beschleunigen und zweitens eben Zielquoten.“

Sie sind also klar für die Quoten?

„Ja, ohne die geht es aus meiner Sicht nicht. Man muss die Zentren zwingen, aktiv nach Frauen zu suchen. Ich würde niemandem unterstellen, dass er sich nicht gerne auf Frauen beruft, aber natürlich suche ich etwas vehementer und investiere mehr Arbeit, wenn ich weiß, da ist ein Zwang hinter. Das ist leider so.“

Gibt es denn genügend Frauen, beziehungsweise Bewerberinnen, wenn eine solche Stelle ausgeschrieben ist?

„Das kommt sehr aufs Fachgebiet an. Man muss schon realistisch bleiben, dass es bei bestimmten Fächern, wie Luft- und Raumfahrt, Physik oder bestimmten Gebieten im Umweltbereich und vielleicht sogar auch in bestimmten Bereichen der Gesundheitsforschung weniger Frauen gibt. Darauf muss man natürlich auch achten, wenn man Quoten setzt. Aber auch in der Physik gibt es Kleinigkeiten, die entscheiden. Eine Physikerin vom DESY hat mir erzählt, dass zum Beispiel die Serie „the big bang theory“ mehr bewirkt hat, als 1000 Programme, da es auf einmal cool ist, Physiker zu sein. Bei Tagen der offenen Tür gibt es nun deutlich größeren Andrang und da sind auch Frauen dabei.“

Glauben Sie, dass es als Frau schwerer ist, eine Führungsposition in der Wissenschaft zu bekommen?

„Das ist unterschiedlich in einzelnen Ländern. Als Beispiel haben wir in unserem Aufsichtsrat eine Frau, die ihre Postdoc-Zeit mit ihrem Mann in den USA verbracht hat. Die hat neulich erzählt, dass es für sie ein großes Glück war, dass sie in den USA unsere Kinder kriegen konnten. Da war klar, dass man nach einigen Wochen wieder arbeiten geht, die Kinder nach kurzer Zeit in einer Kindertagesstätte betreut sind und es ok ist, wenn die Eltern beide bis zum Abend arbeiten. Das ist in Deutschland sicher anders.“

Inwiefern?

„Ich glaube nicht, dass das Problem ist allgemein als Frau in eine Führungsposition zu kommen.In Deutschland gibt es immer noch eine große Hemmschwelle, sobald es um Frauen mit Kindern in Führungspositionen geht. Manchmal liegt das an den noch nicht geschaffenen Rahmenbedingungen, aber häufig stellt auch der gesellschaftliche Druck ein Problem da. Frauen wird oft ein schlechtes Gewissen eingeredet, wenn sie ihre Kinder nach 16 Uhr abholen und auch die Verteilung auf beide Partner ist in Deutschland noch nicht etabliert. Wenn die Verteilung der Kinderversorgung innerhalb der Familie nicht funktioniert, dann stoßen Frauen an die Grenzen und die Männer überholen sie, was die Karriere angeht. Deswegen könnte es sein, dass es hier in Deutschland für Frauen von den Rahmenbedingungen schwieriger ist. Die Zeiten wo es schwieriger war, weil man eine Frau war, liegen glücklicherweise hinter uns. Das liegt unter anderem auch daran, dass inzwischen in allen Berufungskommissionen und Aufsichtsräten auch Frauen sitzen.“

Die Förderprogramme reichen also nicht wirklich aus?

„Ich finde gut, dass es sie gibt, aber man muss auch vorsichtig damit umgehen. Ich persönlich finde es anmaßend, dass permanent Programme entwickelt werden, wie wir es irgendwann schaffen können, dass Frauen 200 Prozent leisten. Nämlich 100 % im Job und 100 % im Haushalt, nur weil dieses traditionelle Bild in Deutschland noch vorherrscht. Das wird nicht funktionieren. Das ist aus meiner Sicht ungerecht und ich habe manchmal das Gefühl, diese ganzen Instrumente werden deswegen geschaffen, damit diese heile Welt erhalten werden kann. Ich denke, vielleicht muss man mal anders herum gehen bei den Förderprogrammen und schauen, wie man es schaffen kann, dass Männer mehr Verantwortung in der Familie übernehmen. Natürlich gibt es Männer die das machen, aber man muss einfach noch mehr dazu animieren. Frei nach dem Motto:  „Kommt Leute, geht ihr auch mal in Elternzeit“.  Es muss auch normal werden, dass Väter mal zuhause bleiben, weil ihre Kinder krank sind. Auch das ist gesellschaftlich oft nicht richtig akzeptiert und da gibt es dann doofe Sprüche. Aus Sicht der Unternehmer ist es doch vollkommen egal, ob der Mann oder die Frau zuhause bleibt. Es sei denn ein Mann ist per se eine wertvollere Ressource, als eine Frau. Die Aussage finde ich aber „gewagt“ und zum Glück sagt das ja auch niemand mehr. Trotzdem muss einfach ein Umdenken passieren. Wenn das Umdenken erstmal einsetzt, spielt sich das Ganze auch ein.“

Sie glauben also langfristig daran?

„Ja, das ist zum einen ein erklärtes Ziel der Politik, von daher kommt man aus bestimmten Dingen so schnell auch gar nicht mehr raus. Je nachdem wie es sich ergibt. Es ist ja auch noch gar nicht so lange her, dass bestimmte Rechte für Frauen geschaffen wurden. Ich glaube nicht, dass wir in 10 Jahren alle gleichberechtigt sind. Langfristig sehe ich das aber schon. Vielleicht ist es aber auch nur ein Wunschdenken.“