Bakterien mit den Waffen anderer Bakterien schlagen

Neues Antibiotikum wirkt gegen gefürchtete multiresistente Keime

02.05.2006

Neue Hoffnung im Kampf gegen besonders hartnäckige Krankheitserreger: Wissenschaftler der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (GBF) in Braunschweig haben einen neuartigen natürlichen Wirkstoff entdeckt, der verschiedene Arten von Bakterien am Wachsen hindert. Unter anderem wirkt die Substanz namens „MMA“ – kurz für 7-O-malonyl-Macrolactin A – gegen einige so genannte multiresistente Keime. Solche Erreger sind gegen mehrere verschiedene Antibiotika unempfindlich geworden und können deshalb mit Medikamenten kaum mehr bekämpft werden. Zu ihnen zählt der berüchtigte Stamm des Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus oder MRSA. Bakterien dieses Typs können unterschiedlichste Körpergewebe infizieren und dabei schwere Entzündungen auslösen.
Der neue Stoff, der das Wachstum von MRSA stoppt, wird in der Natur ausgerechnet von anderen Bakterien hergestellt: Keime der Spezies Bacillus subtilis, die im Erdboden vorkommen, bilden MMA und scheiden es in ihre Umgebung aus – möglicherweise um sich bei der Konkurrenz um nährstoffreiche Lebensräume gegen benachbarte Bakterien durchzusetzen. Die Braunschweiger Wissenschaftler, die – gemeinsam mit Kollegen aus Indonesien – das MMA in Bacillus subtilis gefunden und untersucht haben, beschreiben ihre Entdeckung in der jüngsten Ausgabe des Fachmagazins Antimicrobial Agents and Chemotherapy.




Mit MMA gegen MRSA

Die zunehmende Resistenz vieler Bakterienstämme gegen Antibiotika gilt gegenwärtig als eines der drängendsten Probleme der Medizin. „Antibiotika sind unsere schärfste Waffe gegen bakterielle Krankheitserreger“, erklärt die GBF-Forscherin Dr. Gabriella Molinari. „Wenn Bakterien gleich gegen ein halbes Dutzend verschiedener Antibiotika resistent werden – wie das bei MRSA geschehen ist – dann schlagen sie uns diese Waffe aus der Hand.“ Die Suche nach neuen Wirkstoffen, die Bakterien töten oder ihr Wachstum hemmen, ist deshalb eine entscheidende Herausforderung für die medizinische Forschung.
Von MMA versprechen sich die Wissenschaftler einiges: Die Substanz wirkt nicht nur gegen den gefürchteten MRSA, sondern auch gegen Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE), die Darmkrankheiten auslösen können, sowie gegen besonders gefährliche Varianten des Krankenhaus-Keims Burkholderia cepacia, der immungeschwächte Personen befällt und sich chronisch in ihrem Körper festsetzt. Vermutlich stört MMA bei all diesen Bakterien gezielt die Zellteilung.
Bevor MMA einmal in der Klinik eingesetzt wird, dürften allerdings noch einige Jahre vergehen. „Die Substanz muss nun zuerst einmal näher untersucht und gründlich erprobt werden“, erklärt GBF-Bereichsleiter Prof. Kenneth Timmis. „Dann müssen klinische Tests zeigen, ob sie sich wirklich als Medikament zum Einsatz am Menschen eignet.“



Hinweis für die Medien

Ausführliche Informationen bietet der Originalartikel: M. Romero-Tabarez, R. Jansen, M. Sylla, H. Lünsdorf, S. Häußler, D. Santosa, K. Timmis, G. Molinari. 7-O-Malonyl Macrolactin A, a New Macrolactin Antibiotic from Bacillus subtilis Active against Methicillin-Resistant Staphylococcus aureus, Vancomycin-Resistant Enterococci, and a Small-Colony Variant of Burkholderia cepacia. Antimicrob. Agents Chemother. 2006 50: 1701-1709.



Bildunterschriften

MMA01:
GBF-Wissenschaftlerin Dr. Gabriella Molinari.
Foto: GBF/Bierstedt

MMA02:
Suche nach neuen Antibiotika: Ein Labortest, der die wachstumshemmende Wirkung von Substanzen auf Bakterien ermittelt.
Foto: GBF/Bierstedt

MMA03:
Gefährlich und zunehmend unempfindlicher gegen Antibiotika: Der Erreger Staphylococcus aureus.
Foto: GBF/Manfred Rohde