Interview

Ein Jahr nach seinem 10. Geburtstag stehen am TWINCORE zahlreiche Neuerungen ins Haus. Ulrich Kalinke, Wissenschaftlicher Direktor des Zentrums für Experimentelle und Klinische Infektionsforschung spricht über Clinician Scientists, Big Data und neue Forschungsthemen.

"Big Data ist eines der großen Zukunftsthemen, auch für die Infektionsforschung"

Professor Kalinke, im Moment finden am TWINCORE größere Veränderungen statt. Warum?
In den letzten Monaten haben gleich mehrere Forschungsgruppenleiterinnen und -leiter neue Positionen an anderen Einrichtungen angenommen. Wir sind sehr stolz, dass unsere Leute bei Auswahlverfahren so erfolgreich sind! Und für uns ergibt sich daraus die Chance, neue Themen anzugehen und Forschungsflächen neu zu nutzen.

Einer dieser Abgänge war Tim Sparwasser, der die Professur für Infektionsimmunologie innehatte. Wird diese wiederbesetzt?
Ganz klares Ja! Die Infektionsimmunologie spielt für TWINCORE genauso wie für die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) und das HZI eine zentrale Rolle. Die zukünftige Ausrichtung wird aber stärker auf der humanen Immunologie liegen.

Welche weiteren Neuerungen stehen auf der Agenda?
Eines der Ziele von TWINCORE war und ist es, Clinician Scientists, also Ärzte, die sich um Patienten kümmern und gleichzeitig aktiv forschen, auf allen Karriereebenen zu fördern. Allerdings war es uns bisher nicht gelungen, das Format des Clinician Scientists nachhaltig zu etablieren, zum Beispiel in Form einer Forschungsgruppenleitung. Dieses Ziel haben wir jetzt erreicht. Für die Leitung einer „Clinician Scientist Junior Research Group“ im Bereich Virologie konnten wir Patrick Behrendt gewinnen, der diese neue Aufgabe bereits angetreten hat. Er wird gut die Hälfte seiner Zeit in die Patientenversorgung investieren und die übrige Zeit für Forschung zur Verfügung haben. Eine entsprechende Position im Bereich Immunologie werden wir in Kürze ausschreiben. Weiterhin arbeiten wir daran, eine langfristige Kooperation mit dem Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der MHH aufzubauen. Mich freut es ganz besonders, dass in diesem Zusammenhang die gemeinsame Etablierung einer Nachwuchsforschungsgruppe geglückt ist: Zum 1. September hat Volker Winstel seine Tätigkeit am TWINCORE aufgenommen. Er beforscht den Krankenhauskeim Staphylococcus aureus. Daraus werden sich auch neue Interaktionen mit dem HZI ergeben.

Wie steht es mit den Zukunftsthemen Big Data und Personalisierung am TWINCORE?
Wir können uns derzeit über eine überaus gute Drittmittelsituation freuen, die eine ganze Reihe von Maßnahmen erlaubt. Daraus möchte ich besonders die beiden über den Exzellenzcluster RESIST finanzierten Professuren im Bereich Datenwissenschaften in der Bakteriologie sowie in der Virologie hervorheben. Weiterhin ist TWINCORE an insgesamt fünf Anträgen in der Big Data-Ausschreibung des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur beteiligt. Drei von diesen Projekten in den Bereichen Respiratorisches Synzytialvirus (RSV), Noroviren und Immunmonitoring werden direkt vom TWINCORE koordiniert. Zudem liegt es natürlich in unserem Interesse, dass die Einrichtung des neuen Zentrums für Individualisierte Infektionsmedizin (CiiM) hervorragend gelingt. Dieses Zentrum wird TWINCORE neue Forschungsperspektiven eröffnen, die wir alleine niemals erreichen könnten. Auch wird über das CiiM der Transfer neuester Erkenntnisse in die Klinik zum Wohle der Patienten noch besser gelingen. Daher haben wir bis zur Fertigstellung des CiiM-Neubaus sehr gerne die für das CiiM berufenen Datenwissenschaftler Yang Li und Cheng-Jian Xu am TWINCORE aufgenommen. Durch die räumliche Nähe haben sich bereits jetzt vielfältige Kooperationen mit den beiden ergeben. Ebenso werden wir Markus Cornberg als Clinician Scientist auf einer fortgeschrittenen Karrierestufe am TWINCORE aufnehmen. Zusammen mit Yang Li wird er das CiiM leiten.

Wie passen all die genannten Neuerungen zur Strategie des Zentrums?
Die Strategie des TWINCORE ist es, die Themen der Infektionsforschung an medizinischen Herausforderungen und klinischen Beobachtungen auszurichten. Daher liegt uns die Etablierung von neuen Stellen für Clinician Scientists sehr am Herzen. Ebenso legen wir größten Wert auf Interdisziplinarität. Somit kommt uns die Situation mit den RESIST-Professuren, den Big Data-Projekten und mit der Verortung von Yang Li und Cheng-Jian Xu am TWINCORE sehr entgegen. Ohne zu wissen, dass sich die Rahmenbedingungen im Bereich Big Data am TWINCORE so günstig entwickeln würden, hatten wir schon vor einem Jahr festgelegt, dass der Titel des diesjährigen TWINCORE-Symposiums „Infection Research meets Big Data“ sein sollte. Alle, die an dem Symposium teilgenommen haben, konnten sich einmal mehr davon überzeugen, welche spannenden neuen Perspektiven die Datenwissenschaften uns eröffnen. Big Data ist definitiv eines der großen Zukunftsthemen, auch für die Infektionsforschung.

Welche Perspektiven sind das? Was soll in den neuen Projekten konkret erforscht werden?
Die neuen Ansätze aus dem Bereich der Datenwissenschaften erlauben es uns, extrem komplexe Systeme besser zu verstehen. Einerseits können wir so umfangreiche Datensätze aus Patientenkohorten mit einer RSV- oder einer Norovirusinfektion überhaupt erst analysieren. Andererseits können wir aber auch sehr unterschiedliche Datensätze zusammenfügen. Das gehen wir derzeit bei der Immunklassifizierung von einzelnen Individuen an. Neben den Informationen über einzelne Immunzelltypen können mit den neuen Ansätzen gleichzeitig auch verschiedenste klinische Parameter berücksichtigt werden. Ziel dieser Arbeiten ist es, die Funktionsweise des Immunsystems des Menschen besser zu verstehen. Schließlich erlauben die neuen Ansätze auch die Untersuchung von Expressionsprofilen einzelner Zellen. Derzeit untersuchen wir, wie auf der Einzelzellebene dendritische Zellen des Menschen auf eine Stimulation mit dem humanen Zytomegalievirus (HCMV) reagieren. Bei solchen Untersuchungen werden wir noch viele Überraschungen erleben.

Über RESIST

Im Exzellenzcluster RESIST (Resolving Infection Susceptibility) wollen Forscher aus insgesamt 40 Gruppen von TWINCORE, HZI, MHH und drei weiteren Einrichtungen ergründen, warum bestimmte Patientengruppen anfälliger für Infektionen sind als andere. Der Cluster finanziert zwei Professuren am TWINCORE: die noch nicht besetzte W1/W2-Professur „Integrative Wirts-Virus-Bioinformatik“ im Institut für Experimentelle Virologie und die W2-Professur „Systembiologie von mikrobiellen Gemeinschaften“ im Institut für Molekulare Bakteriologie, für die Marco Galardini von der Boston University berufen wurde.

Autor: Jan Grabowski

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Standort

TWINCORE

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