Interview

Im Schnitt erkrankt jeder Erwachsene in Deutschland an bis zu drei Atemwegsinfektionen pro Jahr. Obwohl diese Infektionen meist durch Viren verursacht werden, greifen Ärzte manchmal fälschlich zu Antibiotika. Dr. Stefanie Castell, stellvertretende Leiterin der Abteilung Epidemiologie am HZI, berichtet über das Fortbildungsprogramm WASA („Wirksamkeit von Antibiotika-Schulungen in der niedergelassenen Ärzteschaft“), das die Verschreibungsroutine von Antibiotika verbessern soll.

„Damit Antibiotika auch morgen noch wirken“

Stellv. Abteilungsleiterin Epidemiologie und Wissenschaftliche Mitarbeiterin. © HZI

Frau Dr. Castell, worauf ist WASA ausgerichtet?
Die unsachgemäße Behandlung mit Antibiotika ist einer der Gründe für die Entwicklung von Antibiotikaresistenzen, die mittlerweile ein globales Problem sind. Rund 85 Prozent der Antibiotika werden im ambulanten Bereich verschrieben – und das nicht immer leitliniengerecht. Daher hat das Hygienenetzwerk Südostniedersachsen mit Partnern eine leitlinienbasierte Fortbildung für Hausärzte entwickelt. Mit der WASA-Studie untersuchen wir, ob sich das Training auf die Antibiotika-Verschreibung von Ärzten auswirkt oder sich zumindest ihre Einstellung dazu ändert. Das HZI begleitet die Fortbildungen wissenschaftlich.

Wie könnte WASA den Ärzten helfen?
Für Erkrankungen gibt es evidenzbasierte Leitlinien zur Diagnose und Behandlung, die von Fachgesellschaften entwickelt wurden, um eine Behandlung nach dem neuesten Stand zu gewährleisten. So wurden zum Beispiel 2017 neue Leitlinien für Harnwegsinfektionen veröffentlicht – mit einem Umfang von mehr als 200 Seiten! WASA bietet Fortbildungen an, die einen Auszug aus den relevanten Leitlinien darstellen. Jedes Training wird in kleinen Gruppen durchgeführt, um lebhafte Diskussionen und besseres Lernen zu ermöglichen.

Wie werten Sie die Schulungen aus?
Die Wirksamkeit des Trainings wird auf zwei Ebenen evaluiert. Mittels Fragebogen schätzen wir ab, ob die Teilnehmenden beabsichtigen, die Erkenntnisse in der Praxis einzusetzen. Darüber hinaus verwenden wir Daten einer großen Krankenversicherung, um die Antibiotika-Verschreibungen der Ärzte vor und nach dem Training zu bewerten und mögliche Unterschiede zu nicht teilnehmenden Ärzten auszumachen.

Dozierende mit den HZI-Wissenschaftlerinnen (v.l.n.r.): Dr. Harald Junius, Prof. Wilfried Bautsch, Dr. Stefanie Castell (HZI), Dr. Heike Raupach-Rosin, Dr. Kristin Haase, Dr. Ole Scharmann, Dr. Peter Hopp, Daniela Gornyk (HZI)

Vor welchen Herausforderungen steht WASA?
Das Projekt ist komplex und erfordert ein spezielles Wissen für die Analyse der Kassendaten. Es hat uns etwa ein Jahr gekostet, alle Datenflüsse datenschutzkonform mit fünf daran beteiligten Institutionen abzustimmen, die Vorträge zu etablieren, zu standardisieren und den Fragebogen zu entwickeln, bevor wir erst mit dem Training starten konnten. Außerdem ist es schwierig, teilnehmende Ärzte zu gewinnen, da es sehr viele Fortbildungsangebote zu vielen medizinisch drängenden Themen gibt.

Wann erwarten Sie die Ergebnisse der WASA-Studie?
Die Fortbildungen werden Anfang 2019 abgeschlossen sein. Im weiteren Verlauf erhalten wir Kassendaten, die im Jahr nach den Fortbildungen angefallen sind. Die Ergebnisse werden die Einführung ähnlicher Trainings in anderen Regionen erleichtern und hoffentlich die Antibiotika-Verschreibungen in unserer Region positiv beeinflussen.

Interview: Tatyana Dubich (deutscher Text: Andreas Fischer)

Magazin-Download

Titelseite des HZI-Mitarbeitermagazins "InFact", Ausgabe 02/2018 © HZI

Weiterführende Informationen

Weitere Partner des vom Bund geförderten Projektes: AOK Niedersachsen, Klinikum Braunschweig, Niedersächsisches Landesgesundheitsamt, Stadt Braunschweig Gesundheitsamt und Gesundheitsplanung

Beteiligte Forschungsgruppen

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