Peggy Riese: „Die Coronaimpfstoffe sollten vor schwerer Erkrankung schützen. Und das tun sie“

Dr. Peggy Riese ist Wissenschaftlerin in der Abteilung Vakzinologie und angewandte Mikrobiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig. Sie forscht an den Besonderheiten des Immunsystems im Zusammenspiel mit Impfstoffen. Im Interview spricht sie über aktuelle Entwicklungen in der SARS-CoV-2-Impfstofffoschung.

Unter den Coronaimpfstoffen gelten die mRNA-Impfstoffe derzeit als der Goldstandard. Kürzlich wurde ein Proteinimpfstoff zugelassen. Wie wirkt er, und wie ist er hinsichtlich seiner Wirksamkeit einzuordnen?
Proteinimpfstoffe gehören zu den klassischen Impfstofftypen, wie wir sie zum Beispiel auch von den Grippeimpfstoffen her kennen. Der neue Proteinimpfstoff Nuvaxovid enthält das Spike-Protein von SARS-CoV-2 und zusätzlich einen Wirkstoffverstärker, um die Immunreaktion besser zu aktivieren. Die Ergebnisse der klinischen Studien sind durchaus vielversprechend: Sie zeigen, dass Geimpfte sehr gut vor einem schweren Krankheitsverlauf geschützt sind. Vor Infektion schützt dieser Impfstoff ebenso wie die mRNA-Impfstoffe leider nicht. Ob die Immunantwort längerfristig hält, wird sich erst im Laufe der Zeit zeigen.

Weiß man bei den mRNA-Impfstoffen darüber schon mehr?
Was wir über die Wirksamkeit von mRNA-Impfstoffen wissen ist, dass sie etwa drei bis sechs Monate einen guten Schutz vor schwerer Erkrankung bieten. Danach sollte aufgefrischt werden. Das liegt daran, dass diese Impfstoffe vor allem die sogenannte humorale Immunantwort ansprechen. Das ist der Teil unseres Immunsystems, der für die schnelle Herstellung passgenauer Antikörper verantwortlich ist. Im Kampf gegen einen Erreger ist das natürlich enorm wichtig, doch um eine langfristige Immunität aufzubauen, reicht das leider nicht aus. Dafür ist die Aktivierung der sogenannten zellulären Immunantwort nötig: Gedächtniszellen, die sich an unliebsame Eindringlinge noch Jahre nach einer Infektion erinnern und bei erneutem Kontakt mit dem Erreger schnell Antikörper herstellen können. Dieses immunologische Gedächtnis wird durch die mRNA-Impfstoffe scheinbar nur schwach aktiviert. Warum das so ist, ist bislang noch nicht verstanden. Was ich aber deutlich machen möchte: Die bislang entwickelten Coronaimpfstoffe sollten in erster Linie vor schwerer Erkrankung schützen. Und das tun sie – das ursprünglich gesetzte Ziel haben sie erreicht.

Läuft das Virus mit seinen neuen Mutationen nicht auch der Wirksamkeit der Impfung davon?
Leider ja. Die heute verfügbaren Impfstoffe basieren auf dem Spike-Protein des ursprünglichen Virusstamms aus dem Jahr 2019. Und sowohl die Delta-Variante als auch die neuen Omikron-Varianten weisen im Bereich des Spike-Proteins eine nicht unerhebliche Anzahl an Mutationen auf. Mit der Folge, dass die im Zuge einer Impfung gebildeten Antikörper nicht mehr optimal passen. Dass sich SARS-CoV-2 so schnell verändern würde, damit hatte man in der Wissenschaft tatsächlich nicht gerechnet. Denn die Coronaviren, die wir von harmlosen Erkältungskrankheiten her kennen, tun das nicht in dem Maße. Ich vergleiche Corona ja ungern mit der Grippe, doch die Herausforderung, Impfstoffe immer wieder neu anzupassen, weil sich der Erreger so schnell ändert, scheinen wir nun auch mit SARS-CoV-2 zu haben. Derzeit laufen auch schon klinische Studien für mRNA-Impfstoffe, die an die Omikron-Variante angepasst sind.

Gibt es weitere vielversprechende Impfstoffkandidaten, die gerade in der Entwicklung sind?
Ja, zum Beispiel der Impfstoff VLA2001, der sich derzeit im Zulassungsprozess befindet. Das ist ein sogenannter inaktivierter Ganzvirus-Impfstoff. Kern des Impfstoffs ist ein komplettes, inaktiviertes SARS-CoV-2-Virus, das durch seine vielfältigen Angriffsflächen eine breitere Immunantwort auslösen sollte. Weiterhin gibt es eine interessante Studie aus den USA zu einem Impfstoff, der Spike-Proteine mehrerer Virusvarianten enthält und so den Aufbau eines breiteren Immunschutzes gegenüber verschiedenen Varianten von SARS-CoV-2 bewirken könnte. Was die Entwicklung neuer Coronaimpfstoffe angeht, bleibt es also weiterhin spannend.

SARS-CoV-2 hat die Forschungslabore in den vergangenen zwei Jahren geradezu im Sturm erobert – hat es auch einen Platz in Ihrer Forschung gefunden?
Selbstverständlich. Wir möchten verstehen, warum die Immunantwort nach einer Impfung bei manchen Menschen besser ausfällt als bei anderen. Dabei fahnden wir auch nach Unterschieden zwischen verschiedenen Impfstoffen und Impfstoffkombinationen nach erster, zweiter bzw. dritter Impfung. Uns interessieren vor allem die Immunmechanismen im Menschen, die erklären könnten, warum die Impfantwort so unterschiedlich ausfallen kann. Am Beispiel der Grippeimpfung untersuchen wir das schon länger und beziehen jetzt Corona in unsere Studien ein. Des Weiteren forschen wir an der Entwicklung von Coronaimpfstoffen der nächsten Generation. Hierbei konzentrieren wir uns vor allem auf Impfungen über die Schleimhäute – zum Beispiel als Spray über die Nasenschleimhaut –, um in Zukunft vielleicht einen Impfstoff zur Verfügung zu haben, der auch vor einer Infektion schützt.

Hat die Corona-Pandemie der Impfstoffforschung aus Ihrer Sicht einen Schub gegeben?
Ja, das würde ich voll und ganz unterschreiben. Das ist aber leider auch das einzig Gute an der Pandemie. Das plötzliche Auftreten eines bislang unbekannten und gefährlichen Erregers hat gezeigt: Wir brauchen vorausschauende Forschung. Wir können nicht erst anfangen, wenn die Pandemie in vollem Gange ist. Um Krankheitserregern etwas entgegensetzen zu können, ist Grundlagenforschung im Wortsinne grundlegend. Je mehr wir über Viren, Bakterien und die Funktionsweise unseres Immunsystems wissen, umso schneller und effizienter lassen sich Impfstoffe herstellen. Wichtig dafür ist natürlich auch eine gute interdisziplinäre und internationale Zusammenarbeit. Und das hat man in den vergangenen beiden Jahren der Pandemie tatsächlich schon gemerkt: Die wissenschaftliche Gemeinschaft ist mehr zusammengerückt und tauscht sich besser aus als je zuvor.

Interview: Nicole Silbermann
Veröffentlichung: Mai 2022

SARS-CoV-2 / Covid-19

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