Luka Cicin-Sain: Grippe-Impfung und Corona-Booster: Ist das sinnvoll?

Die kalte Jahreszeit ist da und mit ihr die Frage, ob eine Impfung gegen Grippe in Pandemie-Zeiten besonders sinnvoll ist. Und wann ist eigentlich der richtige Zeitpunkt für die Drittimpfung, also die Booster-Impfung gegen COVID-19?

Das RKI hat den Corona-Booster schon für alle Menschen ab 18 Jahren empfohlen. „Beides machen!“ Das empfiehlt auch Prof. Luka Cicin-Sain, Impfexperte vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Unser Immunsystem sei zu vergleichen mit einem abgekämpften und dezimierten „Fußballteam am Ende der Saison“ und beide Impfungen seien sozusagen eine „Neuaufstellung und Auffrischung des körpereigenen Abwehr-Geschwaders“.

Wie sinnvoll ist eine Grippeimpfung in Zeiten der Corona-Pandemie?
Die Grippeimpfung bleibt weiterhin wichtig und ist zu empfehlen. Sie ist vor allem für gewisse Risikogruppen essenziell – das hat sich durch die Corona-Pandemie überhaupt nicht verändert. Im Gegenteil: Gerade jetzt ist die Grippeimpfung noch wichtiger geworden, weil die Gefahr der Grippe verbleibt, aber die Ressourcen in der Krankenversorgung wegen Corona knapp sind.

Brauchen wir wirklich einen Grippeschutz? Im vergangenen Jahr gab es doch kaum Grippefälle.
Man kann nicht davon ausgehen, dass in diesem Jahr weniger Gefahr besteht, sich mit der Grippe anzustecken. Es ist vor allem durch die ergriffenen Infektionsschutzmaßnahmen, wie Abstand und Maske-Tragen bis zum Homeoffice, gut zu erklären, warum wir weniger Grippeerkrankte hatten. Ob das so bleibt, ist jedoch unklar. Der Erreger ist noch da und hat auch eine wohlbekannte Saisonalität. Wir sollten uns deshalb weiterhin bestmöglich schützen.

Wenn ich mich noch gar nicht für eine Corona-Erstimpfung entscheiden konnte, macht das auch jetzt in der aktuellen Lage noch Sinn?
Absolut. Es ist nie zu spät, weil man nicht wissen kann, wann man sich anstecken wird. Je länger man wartet, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, auf SARS-CoV-2 zu treffen und zwar ohne Impfschutz. Man muss aber beachten, dass in den ersten anderthalb Wochen nach der ersten Dosis noch mit keinem Impfschutz zu rechnen ist. Der vollständige Schutz besteht erst zwei Wochen nach der zweiten Dosis.

Angesichts hoher Corona-Infektionszahlen betonen Fachleute, wie wichtig die sogenannte Booster-Impfung ist. Was passiert da genau im Körper?
Auch nach einer Impfung sinkt im Laufe der Zeit der Antikörperspiegel gegen SARS-CoV-2 in unserem Körper. Das Immunsystem ist komplex und funktioniert wie ein Team. Die Immun-Mannschaft wird mit der Zeit müde und ihr Lauf träge. Mit der Auffrischungsimpfung werden neue Spieler ins Spiel gerufen. Somit verbessert sich die Immunität gegen das Coronavirus enorm. Das Spiel bleibt dasselbe, aber die Mannschaft wird wieder frisch und dadurch besser.

Welche Impfstoffe stehen für die Booster-Impfung in Deutschland zur Verfügung?
In Deutschland sind vier Impfstoffe zugelassen, zwei mRNA-basierte von Biontech und Moderna und zwei Adenovirus-basierte von AstraZeneca und Janssen. Generell schützen all diese Impfstoffe effektiv und anhaltend vor schweren Erkrankungen und Tod durch COVID-19 mit einem kleinen Vorteil für die mRNA-Impfstoffe. Die Impfung schützt zudem vor SARS-CoV-2-Infektion und reduziert so auch das Übertragungsrisiko von Geimpften auf deren Kontaktpersonen. Allerdings hat es sich gezeigt, dass der Impfschutz mit der Zeit nachlässt. Im höheren Alter ist die Immunantwort nach der Impfung insgesamt geringer und fällt schneller ab. Dies erhöht die Gefahr von Impfdurchbrüchen, welche häufiger auch zu schweren Krankheitsverläufen führen können. Die Auffrischungsimpfung erfolgt mit einem mRNA-Impfstoff frühestens sechs Monate nach Abschluss der Grundimmunisierung. Besonders Personen, die mit der COVID-19-Vakzine von Janssen geimpft wurden, empfiehlt das RKI eine zusätzliche mRNA-Impfstoffdosis, weil im Verhältnis zur Anzahl der verabreichten Impfdosen in Deutschland die meisten Impfdurchbrüche bei Personen beobachtet werden, die mit der Janssen-Vakzine geimpft wurden.

Können Risikogruppen die Grippe- und die Corona-Impfung auch gleichzeitig erhalten?
Aus immunologischer Sicht gibt es keinen Grund, der dagegenspricht. Unser Immunsystem ist jeden Tag vielen Erregern ausgesetzt - das sind vielfachste „Feindkontakte“ pro Tag. Das gleiche mutet man dem Körper bei einer Doppelimpfung zu, indem man zwei unterschiedliche Erregerabläufe nachstellt. Die Immunantworten könnten sich sogar noch gegenseitig verstärken. Die Doppelimpfung erfolgt am besten an zwei unterschiedlichen Stellen, zum Beispiel am rechten und linken Oberarm, zum gleichen Zeitpunkt. Hintergrund ist, dass die Immunreaktion lokal beginnt und in regionalen Lymphknoten reift. So können zwei Lymphknotengruppen unabhängig voneinander gefordert werden. Allerdings besteht somit auch das Risiko, dass man gleichzeitig zwei schmerzende Arme hat und am Tag nach der Immunisierung beeinträchtigt ist.

Bekommt man bei einer Booster-Impfung gleiche oder stärkere Nebenwirkungen als bei den ersten beiden Corona-Impfungen?
Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass bei jeder Impfung eine Immunreaktion ausgelöst wird und das kann natürlich mit Nebenwirkungen einhergehen. Die Nebenwirkungen nach der Impfung sind Schmerzen an der Einstichstelle, Müdigkeit, seltener Fieber und Schüttelfrost. Diese Symptome dauern ein bis zwei Tage, sehr selten länger. Sehr selten – weniger als 1:10.000 – sind Immunreaktionen wie eine Herzmuskelentzündung, die aber nach einigen Tagen ohne Spätfolgen vorbei ist. Noch seltener kam es nach Impfung mit AstraZeneca oder Janssen zu Thrombosen (1:100.000). Äußerst selten sind allergische Reaktionen mit zwei bis fünf Fällen pro einer Million Impfungen. Aber bekannte Allergien gegen Medikamente oder Pollen stellen kein erhöhtes Risiko einer allergischen Reaktion auf den Impfstoff dar. Wenn man annimmt, dass die Folgen einer COVID-19-Infektion in circa einem Prozent der Fälle lebensbedrohlich sind, liegen die Risiken eindeutig bei der Infektion und nicht bei der Impfung. In Summe zeigen die bisher zum Boostern erhobenen Daten, dass das Nebenwirkungsprofil gleichwertig oder zumindest nicht schlechter ist. Es ist definitiv nicht so, dass es schlimmer wird, je häufiger man impft.

Wann ist der ideale Zeitpunkt für die Drittimpfung?
Der ideale Zeitpunkt für die Auffrischungsimpfung ist sechs Monate nach der zweiten Impfung. Meine Empfehlung wäre, sich in jedem Fall eine Auffrischung zu holen. Beim Verdacht auf eine mögliche Allergie gegen Bestandteile des Impfstoffs sollte man mit dem Hausarzt sprechen, aber das ist eben die einzige nennenswerte Gruppe, bei der eine Impfung nicht zugelassen ist. Empfänger von immunhemmenden Medikamenten wie autoimmunerkrankte Menschen oder Organempfänger brauchen unbedingt die dritte Dosis, weil ihr Immunsystem sie nicht ausreichend verteidigt. Um diese Menschen zu schützen, ist es wichtig, dass Familienangehörige, aber auch Arbeitskollegen, die jeden Tag im Kontakt mit ihnen sind, ein Impfangebot wahrnehmen und somit eine sogenannte „Ringimpfung“ leisten.

Macht ein Antikörper-Test Sinn, um zu entscheiden, ob eine dritte Impfung überhaupt notwendig ist?
Eigentlich ist der Antikörper-Test gegen Corona lediglich ein Richtwert, der ein Ja oder Nein zum Vorhandensein bietet, aber keine Aussage über den Schutz. Dies ist so, weil die Antikörper-Werte im Test nicht unbedingt etwas über die antivirale Leistung der Person sagen. Ein quantitativer Test zur Erkennung der Immunschutzstärke ist leider derzeit noch nicht vorhanden. Da ist noch viel Forschung nötig.

Interview: Susanne Thiele

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Wissenschaftsredakteur (Stellv. Pressesprecher)

SARS-CoV-2 / Covid-19

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