Dirk Heinz: "Die großen Stärken des HZI sind sein Zusammenhalt und der Teamgeist"

Mit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie rückte das HZI schnell in den Fokus der Öffentlichkeit. Der Wissenschaftliche Geschäftsführer Prof. Dirk Heinz im Gespräch über ein Jahr Pandemie, die rasche Etablierung der Corona-Forschung und neue Herausforderungen.

Herr Heinz, wie haben Sie den Beginn der Pandemie in Erinnerung?
Ich erinnere mich noch sehr gut an das letzte größere Präsenztreffen Mitte März 2020 in Berlin: ein Kick-off-Meeting zur Gründung unseres neuen Helmholtz-Instituts in Greifswald. Auch damals drehte sich alles um Corona und die Bedeutung von Infektionen durch Erreger, die von Tieren stammen. Und kurz danach fand die erste Sitzung des Krisenstabs am HZI statt. Wir haben den Pandemieplan weiterentwickelt und spezielle Maßnahmen zum Schutz der Mitarbeiter:innen getroffen, von verstärkten Hygienemaßnahmen bis zu Homeoffice-Möglichkeiten.

Wie schätzen Sie das Jahr 2020 rückblickend für das HZI ein?
Es war ein sehr außergewöhnliches, anstrengendes und in jeder Hinsicht einmaliges Jahr. Die COVID-19-Pandemie hat, wie man sehen kann, weitreichende Konsequenzen auf unsere Arbeitsweise, aber auch unser Privatleben. Für das HZI wurde sehr schnell seine besondere Rolle und Verantwortung bei der Bekämpfung der Pandemie deutlich. Dies ist auch eine große Chance für unser Zentrum!

Wie konnte sich das HZI so schnell auf die Corona-Forschung umstellen?
In der Forschung hat die Pandemie das HZI glücklicherweise nicht völlig unvorbereitet getroffen, obwohl Coronaviren bisher nicht im Fokus standen. Wir konnten schnell unsere Kompetenzen für die Forschung an SARS-CoV-2 bündeln und auf entsprechende Infrastrukturen wie S3-Labore zurückgreifen. Innerhalb kürzester Zeit wurden dank erfolgreicher Einwerbung von Drittmitteln mehr als 70 Projekte etabliert. Wir haben dabei sehr von unserer Schwerpunktsetzung in der Forschung, den sogenannten „Research Foci“, profitiert. Es ist schon bemerkenswert, wie schnell unsere Wissenschaftler:innen die Initiative ergriffen haben. Sehr stolz bin ich auch auf unsere Expert:innen, die rasch die wichtige Aufgabe des Wissenstransfers übernommen haben - zum Beispiel in Interviews, Talkshows und Hintergrundgesprächen - und die Politik bei ihren schwierigen Entscheidungsprozessen unterstützen. 

Welches sind die wichtigsten wissenschaftlichen Beiträge des HZI zur Bekämpfung der Pandemie?
Unsere Wissenschaftler:innen haben zum Beispiel computergestützte Verfahren entwickelt, die die Modellierung des Infektionsgeschehens ermöglichen oder künftig die Gesundheitsämter bei der Fall- und Kontaktverfolgung entlasten. Zudem laufen epidemiologische Studien zur Pandemie sowie zahlreiche innovative Forschungsprojekte, um ein tieferes Verständnis über den Infektionsprozess zu erlangen und daraus Lösungen zur Bekämpfung des Virus zu entwickeln.

Hat sich die Wahrnehmung des HZI in der Öffentlichkeit verändert?
Wir freuen uns alle, dass der Bekanntheitsgrad des HZI durch die Medienpräsenz unserer Forscher:innen in der Corona-Krise sprunghaft gestiegen ist. Wir merken das in einer Rückkopplung auch ganz deutlich am enormen Anstieg des Drittmittelaufkommens. Es ist herausragend, was die HZI-Mitarbeiter:innen in sehr kurzer Zeit geleistet haben. Dies schließt natürlich die Presse und Kommunikation, aber auch die Verwaltung und den Technischen Betrieb ein, die die Forschungsanstrengungen trotz zahlreicher Einschränkungen sehr unterstützt und damit wesentlich zum Erfolg beigetragen haben. Deshalb möchte ich an dieser Stelle auch ein ganz großes Kompliment und Dank an alle aussprechen. Das vergangene Jahr war sicher kein einfaches, aber das Engagement und der Einsatz haben sich ausgezahlt. Das HZI stand meines Erachtens in seiner Geschichte noch nie so gut da wie heute.

Wie geht es nun 2021 weiter?
Viele unserer Wissenschaftler:innen erinnern sich an die aufreibenden wissenschaftlichen und strategischen Begutachtungen 2018 und 2019. Das HZI hat beide Male herausragend abgeschnitten. Das Jahr 2021 ist insofern ein Meilenstein, da auch die vierte Periode der Programmorientierten Förderung der Helmholtz-Gemeinschaft startet. Für die nächsten sieben Jahre haben wir uns ambitionierte Ziele gesetzt, um unserer translationalen Mission noch besser gerecht zu werden. Dabei muss das Konzept vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie nochmals adaptiert werden, auch weil der Erwartungsdruck von Politik und Gesellschaft an das HZI deutlich gewachsen ist. Dem können und dürfen wir uns nicht verschließen. Uns kommt unsere flexible Programmstruktur entgegen, über die wir aktuelle Themen wie Infektionen der Atemwege hervorragend in die Gesamtstrategie des HZI einbinden können. Zum anderen können wir unser neu hinzugewonnenes Helmholtz-Institut in Greifswald sowie die erfreuliche Zusatzfinanzierung für unser bereits bestehendes Helmholtz-Institut in Saarbrücken (HIPS) nutzen, um das Thema „Emerging Infections“ (neu auftretende Infektionen) mit der notwendigen kritischen Masse zu beforschen. Schließlich sind einige wichtige Neuberufungen an allen Standorten geplant.

Was bedeutet das im Detail für die Standorte?
Am neuen HZI-Standort in Greifswald möchten wir den „One Health“-Ansatz stärken. Dabei geht es vor allem um die Epidemiologie, Pathogenese sowie Erreger-Wirt-Interaktionen von primär zoonotischen Infektionen. Als Kooperationspartner werden wir vor Ort mit der Universität Greifswald, der Universitätsmedizin Greifswald und dem Friedrich-Loeffler-Institut zusammenarbeiten. Bis zum Ende dieses Jahres werden die internationale Begutachtung des wissenschaftlichen Konzepts sowie die Gründung des neuen Instituts stattfinden. Am HIPS geht es darum, die pharmazeutische Forschung auszubauen und um antivirale Strategien zu erweitern. Für diesen Ausbau wurden dauerhaft erhebliche Mittel über den Bundeshaushaltsausschuss Ende 2020 bereitgestellt. Am HIRI in Würzburg setzen wir in den nächsten Jahren auf die Untersuchung von Infektionsmechanismen auf Einzelzellebene. Über RNA-basierte Verfahren werden verschiedene Wirtsreaktionen bei Infektionen beleuchtet, um deren Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf zu verstehen und gezielt einzugreifen.

Gibt es weitere Schwerpunktthemen am HZI?
Ein wichtiges Thema in der Helmholtz-Gemeinschaft ist die Stärkung des Wissens- und Technologietransfers. Hier müssen wir uns in den kommenden Jahren steigern. Das schließt den Aufbau eines erfolgreichen Innovationsmanagements ein. Auch das Thema Internationalisierung muss vorangetrieben werden. Wir sind bereits im Begriff, erfolgreiche Kooperationen zu etablieren, zum Beispiel mit der McGill University in Montreal. Ich bin überzeugt, dass die Corona-Krise zu einer Stärkung der Infektionsforschung weltweit beitragen wird. Hier warten auch große Chancen auf uns. Die Kunst für das HZI wird sein, sich so optimal aufzustellen und gute Angebote zu machen, um zu den sicheren Kandidaten für finanzielle Aufwüchse zu gehören.

Was ist Ihr Wunsch – oder Ihre Prognose – für 2021?
Wir wünschen uns sicherlich alle, dass die COVID-19-Pandemie endlich überwunden wird. Dies bedeutet aber, dass noch anstrengende Monate bevorstehen. Die inzwischen verfügbaren Impfstoffe werden eine deutliche Verbesserung bringen, die Kontaktbeschränkungen alleine können allenfalls zu einer Stagnation der Fallzahlen führen – besonders mit Blick auf neue Mutationen. Geduld und Solidarität aller werden daher weiter gefragt bleiben. Für das HZI wünsche ich mir, dass wir uns nach dem Begutachtungsmarathon, der ebenfalls erfolgreich bewältigten finanziellen Konsolidierung und den mit der COVID-19-Pandemie verbundenen Einschränkungen hoffentlich bald wieder mit voller Kraft auf unser Kernthema fokussieren, die translationale Infektionsforschung mit all ihren Chancen. Dies sollte uns alle anspornen, nicht locker zu lassen. Die großen Stärken des HZI sind sein Zusammenhalt und der Team-Geist, der in Pandemie-Zeiten wichtiger denn je ist – darauf sollten und können wir aufbauen im Sinne einer guten Zukunft.

Autorin: Susanne Thiele

Magazin-Download

Standort

Das HZI

DruckenPer Mail versendenTeilen