Christian Scherf und Josef Penninger: „Im Team an die Weltspitze“

Es gibt eine klare Ansage: Das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) soll das weltweit beste Institut für Infektionsforschung werden. Professor Josef Penninger, seit dem 1. Juli 2023 Wissenschaftlicher Geschäftsführer des HZI, hängt die Messlatte hoch. Christian Scherf, der seit 1. Januar 2023 Administrativer Geschäftsführers des HZI ist, will ihn dabei nach allen Kräften unterstützen.

Herr Penninger, Herr Scherf, Sie sind die neuen Chefs am HZI und haben sicher noch nicht alle Mitarbeitenden treffen können. Was erwartet die Belegschaft, wie beschreiben Sie sich selbst als Chef?
Josef Penninger
: (lacht) Christian, fang Du an.
Christian Scherf: (lacht) Gerne. Ich bin ein Chef mit Körpermaß 2,04 m, deswegen relativ groß, wenn ich in den Raum komme. Wichtig ist mir, erst einmal zuzuhören. Ich möchte wissen, was die Mitarbeitenden für Themen haben, um auf dieser Basis Themen weiterzuentwickeln und meine Leitungsexpertise einzubringen. Das mache ich seit 20 Jahren so und kann auf einen reichhaltigen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Ich habe gelernt, dass sich Dinge besser gemeinsam entwickeln lassen als allein.

Wie würden Sie sich als Chef beschreiben, Herr Penninger?
Penninger:
Ich bin sicher kein Mikromanager. Ich fliege meist oben in den Wolken und brauche Menschen, die mich mit dem Lasso wieder runter in die Realität holen. Deshalb brauche ich auch ein tolles Team, und Christian und ich arbeiten super zusammen. Ich habe ein Institut in Wien aufgebaut und dann ein bereits etabliertes und sehr großes Institut in Kanada übernommen. Ich kenne also beide Seiten von Institutsentwicklung. Wie Christian gesagt hat: Man muss gemeinsam handeln und Menschen ernst nehmen, wenn man sie mitnehmen will. Ich glaube, dass alle Leute, die bei uns arbeiten, wichtig sind, auf jeder Ebene, jeder muss gehört und respektiert werden. Und ich verspreche, dass ich das auch tun werde: zuhören.

Ihr Ziel ist es, das Helmholtz-Zentrum zum besten Zentrum für Infektionsforschung in der Welt auszubauen. Ist der Weg zur Weltspitze noch weit?
Penninger: Nein, der ist nicht weit. Aber das ist wie mit einer Fußballmannschaft der deutschen Bundesliga: Die sind wirklich alle toll, aber die letzten Anstrengungen in die Champions League sind essenziell. Das HZI ist gut aufgestellt worden von denen, die das vor Christian und mir gemacht haben, tolle Wissenschaftler und eine gute Organisation, aber zehn bis 15 Prozent brauchen wir noch. Das wird anstrengend. Wir müssen uns nicht nur intern aufstellen, sondern auch international. Wir müssen Talente suchen und uns einbinden in die Global Community. Ob wir das Ziel erreichen, ist eine andere Sache, aber wichtig ist, dass man die Erwartungshaltung hat, in der Weltspitze mitspielen zu wollen. Dann baut man auch die Stufen dorthin.

Das Ziel in der Administration ist sicher verbunden mit new work, also mobiler Arbeitskultur, flexiblen Arbeitszeitmodellen, virtuellen Teams, partiellem Homeoffice – lässt sich das alles im HZI umsetzten?
Scherf:
Ja, wir arbeiten daran, sonst wären wir ja sehr altbacken. Wir wollen ein attraktiver Arbeitgeber für Forschende und Administratoren sein. Das bedeutet, flexibel arbeiten zu können, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Chancen der Weiterbildung zu bieten und vieles mehr. Homeoffice ist nicht immer möglich, viele Forschende müssen einfach im Labor sein. In der Administration gibt es einige Tätigkeiten, die man zu Haus erledigen kann, aber es gibt auch Jobs, die verlangen nach Anwesenheit, zum Beispiel die des Hausmeisters. Wir sind in der Administration serviceorientiert, eigentlich ist unsere DNA eine Service-DNA. Wir wollen Wissenschaftler:innen ermöglichen, dass sie ihre Wissenschaft so umsetzen können, wie sie das müssen.

Wie findet man Spitzenforscher:innen für das HZI?
Penninger:
Indem man einfach sehr, sehr gute Stellen und Bedingungen bietet. Helmholtz ist eine der größten Forschungsorganisationen der Welt. Wir können mit Harvard und anderen Institutionen konkurrieren. Es ist aber nicht nur Geld, das Leute zu uns holt, sondern „soft values“, eine Kultur. Wir müssen junge Wissenschaftler:innen fördern. Ich habe häufig beobachtet, wenn man kluge Leute wirklich unterstützt und um sie ein Biotop, einen Spielplatz baut, wo sie in Ruhe arbeiten und Ideen entwickeln können, dann passiert sehr oft etwas. In Wien hatten wir Leute, die erst nach fünf, sechs Jahren publiziert haben, aber damit wurden die Welt und das Wissen verändert. Die Möglichkeit für langfristigere Projekte, die bieten wir am HZI. Daher habe ich keine Sorgen, dass wir junge Top-Talente überzeugen können, zu uns zu kommen.

Welche Eigenschaften sollten Spitzenforscher:innen mitbringen?
Penninger:
Kreatives Chaos. (lacht) Also dieses natürliche Interesse, dieses Glänzen in den Augen – es ist schwer zu beschreiben. Es gibt viele kluge Leute in der Welt, die gut ausgebildet sind, aber nicht so viele, die dieses Glänzen haben, diese Leidenschaft mitbringen. Forschung ist nicht einfach. Man hat großartige Ideen, arbeitet zwei, drei Jahre – und dann passiert es sehr oft, dass nichts rauskommt. Also muss man auch resilient sein. Das ist wie bei einem guten Maler, der muss auch lernen, wie man in Öl malt. Aber das ist nicht alles. Gustav Klimt hatte zwei Brüder, die auch super gemalt haben, aber keiner kennt sie mehr. Die Frage ist: Wie findet man den nächsten Gustav Klimt oder Lionel Messi der Wissenschaft?

20 neue Forschungsgruppen sollen aufgebaut werden, wie einfach oder schwer ist das?
Penninger:
Wir haben die erste Ausschreibung auf den Weg gebracht. Es sind zuerst vier Stellen, und dann werden wir kontinuierlich weitermachen und 20 – oder mit Clinician Scientists – sogar noch mehr Stellen schaffen. Wir brauchen auch die Strukturen vor Ort, damit die Forschenden gleich gescheit arbeiten können. Darum kümmern sich Christians Team und weitere Leute im Vorder- und Hintergrund, wie etwa mein Stellvertreter Thomas Pietschmann, der das hervorragend macht, und unser tolles wissenschaftliches Team.
Scherf: Ich möchte etwas zum Standort ergänzen: Das HZI ist intensiv gewachsen, aber an den Standorten außerhalb Braunschweigs. Die neuen Mittel haben auch eine strategische Dimension, denn wir holen junge Menschen mit außergewöhnlicher Qualität und sichern damit die Zukunft hier in Braunschweig.
Penninger: Genau, ein ganz wichtiger Hinweis. Wir stellen jetzt gerade die Weichen für die nächsten zehn bis 20 Jahre. Das ist natürlich ein kritischer Punkt, den wir sehr klug angehen müssen, um die richtigen Leute holen und die richtigen Strukturen schaffen.

Sie wollen, dass die Forschung „radikal Neues“ hervorbringt. Was meinen Sie damit?
Penninger:
Ich denke an Bakterien und Viren, von denen wir lernen können. Diese haben vier Milliarden Jahre Evolution überlebt, sie sind Chemiker und können Dinge, von denen wir fast gar nichts verstehen. Wir wollen daher Viren und Bakterien nicht nur negativ sehen, sondern auch als nützlich. In diese Richtung wollen wir am HZI gehen, um zum Beispiel zu lernen, wie man Plastik zersetzen oder billig Energie produzieren kann. Die Klimaänderung bringt uns auch Viren und Bakterien nach Deutschland, die hier bislang nicht vorkamen. Sie kommen zum Beispiel mit Moskitos. Darauf müssen wir uns vorbereiten und Lösungen anbieten.

Ziel ist es, nicht nur zu forschen, sondern auch neue Firmen zu gründen?
Penninger:
Es geht natürlich auch darum, Medikamente zu entwickeln, die Infektionen verhindern können und dadurch allen Menschen zugutekommen. Wir wollen außerdem Forschende überzeugen, nicht nur zu forschen, sondern auch Firmen zu gründen. Dazu gehören Mut, Wissen, wie man das macht, eine enge Zusammenarbeit mit Universitäten in Niedersachsen wie der TU Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover und natürlich finanzielle Unterstützung und Zusammenarbeit mit tollen Förderstellen wie etwa dem IBT und dem DZIF. In Amerika können sich relative junge Firmen am Aktienmarkt Kapital besorgen, in Deutschland und Europa ist das schwieriger. Diese Dinge wollen wir gemeinsam mit der Politik angehen.

Wir führen dieses Interview hybrid: Christian Scherf ist in Braunschweig, Herr Penninger, Sie sind zugeschaltet. Sie haben noch eine Professur in Wien, haben Sie denn genügend Zeit für das HZI?
Penninger:
Absolut! (lacht) Ich habe hundertprozentig Zeit für das HZI. In Wien habe ich eine 25-Prozent-Professur in Personalisierter Medizin an der dortigen Medizinuniversität. Ich arbeite also 125 Prozent, was ich sowieso schon seit vielen Jahren tue. Meine Aufgabe in Wien ist es, das neue Eric Kandel Institut für Präzisionsmedizin zu entwickeln. Eric Kandel ist einer meiner Mentoren, er ist jetzt 94 Jahre alt, hat 2000 den Nobelpreis für die molekulare Kontrolle von Erinnerung erhalten. Das ist auch eine gute Gelegenheit für das HZI, erste Fühler nach Österreich auszustrecken und gemeinsame Projekte und Synergien aufzubauen. Wien ist ja der größte Universitätsstandort im deutschsprachigen Raum mit rund 200.000 Studierenden, also eine tolle Gelegenheit für alle.

Sie sind beide so qualifiziert, dass Sie sich Ihren Arbeitsplatz aussuchen können: Warum sind Sie ans HZI nach Braunschweig gekommen?
Scherf:
Da gibt es mehrere Motive. Nachdem ich viele Jahre für die Physik gearbeitet habe, bin ich zur Life Science gekommen. Die Frage, wie wir unser Leben beeinflussen und verstehen können, fasziniert mich. Auch die Tatsache, dass hier am HZI als Multiscience-Standort so viele Partner zusammengebracht werden müssen, ist für mich sehr reizvoll. Und letztendlich bin ich ein Gewächs des Nordens, es macht mir unglaubliche Freude, in Norddeutschland zu arbeiten, und dazu zähle ich Braunschweig noch. (lacht)
Penninger: Das HZI interessiert mich, weil Helmholtz die Gelegenheit bietet, es zu einem der weltweit führenden Zentren aufzustellen. Es gibt nur sehr wenige Plätze in der Welt, wo man das realisieren kann. Darum bin ich gekommen, um mit Christian und Thomas in Braunschweig und den tollen Instituten und Forschern und allen Mitarbeitenden des HZI in Greifswald, Würzburg, Hannover, Hamburg und Saarbrücken die letzten zehn bis 15 Prozent bis ins Champions League-Finale zu stemmen.

Wenn man ihre Lebensläufe sieht, weiß man, dass Sie schon häufiger Abschied genommen haben. Welcher war der schwerste?
Penninger:
Mir fallen alle Abschiede schwer. (lacht) Ich wurde mit zehn Jahren in ein Internat geschickt, bin also seit dieser Zeit da draußen in der Welt. Ich brauche länger, um mich an Dinge zu gewöhnen, aber kann sie dann nicht mehr gut weggeben. Es gibt dieses mexikanische Sprichwort: Wir sind nicht nur definiert über die Dinge, die wir haben, sondern auch über die Dinge, die wir verloren haben. Man lässt immer etwas von sich zurück und bekommt Neues hinzu, darf neue, tolle Menschen kennenlernen.
Scherf: Die Abschiede, die ich erlebt habe, waren immer sehr gut vermittelbare Abschiede. Die hatten eine eigene Ratio, waren nie ein Bruch. Die Abschiede waren emotional unterschiedlich intensiv, aber im Vordergrund stand immer das Neue.

Wie sieht aktuell ihr Arbeitsalltag aus? Ich habe gelesen, Herr Penninger, Sie arbeiten 70 bis 80 Stunden, müssen Sie nicht schlafen, haben Sie keine Freunde ...?
Penninger
: (lacht) Na ja, ich stehe um 6 Uhr auf, lese die 200 Mails, die ich über Nacht bekommen habe, rede mit meinem Team. Dann wacht meine Forschungsgruppe in Kanada auf, es kommen noch mal 100 Mails rein. Aber ich spiele am Wochenende gern Fußball mit meinen sehr guten Freunden, meine große Leidenschaft, dabei kann ich abschalten. Ich versuche auch, ein paar Stunden in der Woche rauszuschlagen, um zu lesen, meine zweite große Leidenschaft. Ich lese gerade Don Quichote, Teil 2, fantastisch, davor Moby Dick, eines der größten Bücher, die jemals geschrieben wurden. Ich arbeite also nicht nur.

Haben Sie schon einen Verein in Braunschweig, in dem Sie kicken wollen?
Penninger
: Nein, ich suche noch. Also wenn jemand einen Spieler in meinem Alter braucht, dann bin ich sofort dabei. Ich darf bei der österreichischen Ärzte-Nationalmannschaft mitspielen, das ist toll. Wir spielen da auch Weltmeisterschaften. In Cancun wurden wir Letzte, aber es ist der olympische Gedanke. (lacht)
Scherf: Mein Arbeitsalltag ist der eines Forschungsmanagers mit sehr vielen Besprechungen und Terminen. Wichtig ist, dass man im Leben eine Entscheidung hinsichtlich der Prioritäten fällt. Für mich ist die Balance wichtig, dass ich mich einerseits als Geschäftsführer einbringen und entfalten kann, und dass ich ein privates Leben lebe, eine Ehe und sieben Kinder genieße. Ich muss beides verbinden können und habe bislang erlebt: Das geht.

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
Scherf:
Ist das ein Bewerbungsgespräch? (lacht)
Penninger: (lacht)Ich lass die Frage bei Christian.
Scherf: Ich sehe mich hoffentlich bei guter Gesundheit und im HZI rückblickend auf eine intensive Gestaltung von professioneller Lebensrealität und nach vorn blickend in eine aufregende weitere Entwicklung von Arbeit. Aber in meinem Alter hat das Jetzt sehr viel mehr Bedeutung als das Morgen.
Penninger: Ich schaue auf das HZI, das ich in fünf Jahren als ein weltführendes Zentrum für Infektionsforschung sehen möchte, dass es einer der drei, vier Plätze in der Welt ist, wo junge Menschen arbeiten möchten. Ich sehe uns international eingebettet in die Infektionsforschung und im Austausch mit Studierenden aus Afrika, Asien, Amerika und Australien. Natürlich ist nicht nur das Ziel, sondern auch der Weg für mich dorthin sehr wichtig. Wir wollen ein Platz sein, der über die Zukunft der Arbeit nachdenkt, über Chancengleichheit und Diversität.

Letzte Frage: Wann verspüren Sie Glück?
Scherf
: Wenn die Menschen, die mir nah sind, glücklich sind. Das hat sehr viel mit meinem Umfeld zu tun.
Penninger: In Kanada bin ich immer schwimmen gegangen, ich wurde zum Kaltwasserschwimmer. Allein im Meer. Manchmal schwimmen Seelöwinnen mit mir. Wenn man ganz ruhig wird und die Welt ganz langsam, das sind Momente, in denen ich glücklich bin. Wenn jetzt noch Österreich die Fußballweltmeisterschaft gewinnen würde, aber das wäre zu viel des Glücks und deshalb bin ich froh, dass das nie passieren wird.

Liegt Ihnen noch etwas auf dem Herzen, das Sie loswerden möchten?
Scherf
: Was uns beiden ganz wichtig ist, ist die Fähigkeit, zusammenzuarbeiten. Das ist uns beiden und auch der erweiterten Geschäftsführung ein großes Anliegen.
Penninger: Wir haben eine der schönsten Arbeiten: Wir dürfen Dinge entdecken, wissen am Morgen nicht, was am Nachmittag passiert, und wir arbeiten daran, Menschen das Leben zu retten und deren Leben zu verbessern. Manchmal gelingt das auch. Es gibt kaum Schöneres.

Interview: Claudia Gorille
Veröffentlichung: November 2023

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